Promotionsstipendiatinnen und -stipendiaten

Esther Voswinckel Filiz, M.A. (Ruhr-Universität Bochum)
Aziz Mahmud Hüdayi in Istanbul – Biographie eines Ortes

Mausoleum des Aziz Mahmud Hüdayi

Aziz Mahmud Hüdayi (1543–1628) ist eine weit über die Grenzen Istanbuls hinaus berühmte Persönlichkeit des osmanischen Sufismus. Er gilt als “zweiter Pir” (pîr-i sânî) des Celvetiyye-Ordens, als Lehrer verschiedener Sultane und als Schutzpatron der Seefahrer und des Bosporus. Sein Mausoleum (türbe) auf der asiatischen Seite Istanbuls, mitten im Viertel Üsküdar an einem Hang mit Blick aufs Wasser gelegen, ist ein lebendiger, von einem vielfältigen Publikum frequentierter, innerstädtischer Wallfahrtsort. Sprechen Istanbuler von Aziz Mahmud Hüdayi, meinen sie häufig sowohl den Sufi-Heiligen als Person als auch den spezifischen Ort, an dem der Heilige besucht wird: seine Grabstätte. Aus der Irritation über diese Nähe zwischen den Konzepten „Ort“ und „Person“ resultiert der zweite Teil des Titels: „Biographie eines Ortes“.

In dem religionsethnologischen Forschungsprojekt geht es um den Ort von Aziz Mahmud Hüdayi als religiösen Anziehungspunkt. Wie treten Menschen hier mit dem Heiligen in Beziehung und welche Rolle spielt die vielschichtig vorliegende Materialität der Stätte bei dem Aufbau dieser Beziehung? Zwischen 2013 und 2015 wurde das Mausoleum von Aziz Mahmud Hüdayi – wie auch zahlreiche andere Sakralstätten der Sufis in Istanbul zwischen 2010 und heute – aufwendig restauriert und anschließend wiedereröffnet. Die Restaurierung des Mausoleums ist der Ausgangspunkt der stationären Feldforschung in Üsküdar. Dabei steht im Zentrum der Untersuchung die besondere Ästhetik, Architektur und Ausstattung der türbe, die Untersuchung des Umgangs mit Elementen und Stofflichkeiten des Ortes. Dabei werden die Spuren der Dinge des Heiligen Aziz Mahmud Hüdayi verfolgt, welche heutzutage in verschiedenen Istanbuler Archiven aufbewahrt werden.

Innerhalb der zahlreichen Sakralstätten der Sufi-Orden in Istanbul stellt das Mausoleum von Aziz Mahmud Hüdayi einen Sonderfall dar. Nachdem im Jahr 1925 alle Sufi-Orden verboten und geschlossen worden waren, fielen die allermeisten Heiligengräber und Konvente (tekke) Plünderungen zum Opfer; viele Gebäude wurden dem Verfall überlassen oder abgerissen; ein großer Teil der rituellen Paraphernalia und Devotionalien der Orden ging verloren. Im Fall von Aziz Mahmud Hüdayi konnte jedoch eine Sammlung „persönlicher Hinterlassenschaften“ (emanetler) bis in die 1970er-Jahre im Mausoleum aufbewahrt werden. Die Untersuchung dieser Sammlung und die Bestandsaufnahme der heutigen Ausstattung des Mausoleums werfen Licht auf zahlreiche wichtige, heute nur noch an wenigen Heiligengräbern in Istanbul anzutreffende, rituelle Aspekte des Sufi-Heiligenkultes: etwa die Fertigung des Grabturbans (tâç-ı şerîf) mit seiner komplexen Symbolik oder der Brauch der Einkleidung des Kenotaphen mit bestimmten Tüchern.

Das Dissertationsprojekt stellt damit einen Beitrag zur Erforschung der materiellen Kultur des Sufismus dar; die Stofflichkeiten und „Dinge“ der Sufi-Orden zwischen 1925 und heute sind bisher kaum als eigene Dimension der Religionsgeschichte Istanbuls ausgewertet worden.

Sada Payır (Universität Oxford, Fakultät für Orientstudien, Pembroke College)
Unterhaltung, Schicklichkeit, Verstoß: Die „unorthodoxen“ Griechen Istanbuls im späten Osmanischen Reich

Griechisch-orthodoxe Bewohner Tatavlas in traditionellen Kostümen auf dem Karneval

Sada Payır ist Doktorandin im Fach Geschichte an der Fakultät für Orientstudien der Universität Oxford. Ihr Promotionsvorhaben baut auf ihrer Master-Arbeit auf, die sich mit moralischen Grenzüberschreitungen in der griechisch-orthodoxen Bevölkerung Peras und Galatas von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg beschäftigte. Die Entscheidung, Menschen aus dieser ethnisch-religiösen Gruppe zu studieren, fiel aus mehreren Gründen: Erstens teilten sie nicht die Religion der Herrschenden im Osmanischen Reich. Zweitens wurden Nichtmuslimen im Osmanischen Reich während der Tanzimat-Epoche neue Rechte bezüglich Staatsbürgerschaft, Religionsausübung und Bildung zuerkannt. Daraufhin wurden in der griechisch-orthodoxen Gemeinschaft Istanbuls neue Kirchen, moderne Schulen und kulturelle Vereinigungen gegründet. Zuletzt war es verlockend, Informationen über diejenigen griechisch-orthodoxen Personen zu erlangen, die keinerlei Zugang zu Bildung hatten und möglicherweise aufgrund ihrer Berufe und anderer Merkmale gemieden wurden, und das in einer Zeit, als die Gemeinschaft wirtschaftlich aufblühte und sich intellektuell entwickelte.

Sadas Promotionsvorhaben widmet sich der gesamten Stadt und soll zeigen, auf welche Weise griechisch-orthodoxe Menschen im Unterhaltungssektor genauso wie ihre Kunden in den Augen des osmanischen Staates, der griechisch-orthodoxen Kirche und Laienschaft sowie der Gesellschaft im spätosmanischen Istanbul soziale, moralische und in gewissem Grade rechtliche Grenzen überschritten. Sada will darlegen, wo sich die Übertreter/-innen befanden im Hinblick auf diese verschiedenen Perspektiven befanden, zu einer Zeit, als die griechisch-orthodoxe Gemeinschaft Zeichen einer Entwicklung hin zu einem enger geschlossenen Gemeinschaftsleben aufzuweisen begann und das Osmanische Reich Wandel in Verwaltung und städtischem Leben durchlief. Sie argumentiert, dass mit dem Unterhaltungssektor verbundene Übertretungen für unterschiedliche betroffene Parteien unterschiedliche Problematiken schufen, auch wenn sich deren jeweilige Blickwinkel auf diese Übertretungen überschnitten. Indem sie diese Problematiken beleuchtet, soll ihr Projekt auch das Bild des „schwarzen Schafs der Familie“ neu betrachten und neue Perspektiven für die Interpretation nichtmuslimischer Gemeinschaften im späten Osmanischen Reich beisteuern.

Elena Panayi (University of Cyprus)
Osmanische Dichterinnen und mystische Orden: Elemente der Interaktion in der osmanischen Divandichtung

Bedingt u.a. durch den Faktor, dass osmanische Frauen zumeist aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen wurden, ist das Quellenmaterial, das wir zu osmanischen Dichterinnen finden können, recht begrenzt. Hauptquelle zum Leben und Werk osmanischer Dichterinnen sind die biographischen Lexika (tezkire). In ihnen finden wir Informationen zu rund fünfzig Dichterinnen, von denen die meisten im 18. und 19. Jahrhundert lebten.

Das Projekt beschäftigt sich mit acht osmanischen Gaselen-Dichterinnen des 18. und 19. Jahrhunderts – Sıdki Hanım (Bayramı, st. 1703), Tevhide Hanım (Mevlevi, st. 1847), Leyla Hanım (Mevlevi, st. 1848), Şeref Hanım (Kadiri/Mevlevi, 1809–1861), Sırrı Hanım (Kadiri, 1814–1877), Adile Sultan (Nakşibendi, 1826–1899), Feride Hanım (Şa’bani, 1837–1903) und Hatice Nakiye Hanım (Mevlevi, 1845–1879) – die Mitglieder eines oder mehrerer mystischer Orden waren. Durch eine detaillierte Studie der Biographien und Werke dieser Dichterinnen sucht die Studie Antworten auf folgende Fragen: Wie war die Interaktion zwischen diesen Dichterinnen und ihren Orden? Wurde ihre Dichtung durch die Mitgliedschaft in den mystischen Orden beeinflusst, und wenn ja, wie? Waren Frauen in der männlich dominierten osmanischen Dichtungstradition, deren Konventionen sehr stereotyp waren, in der Lage, ihrer Literatur eine weibliche Stimme zu geben?

Gwendolyn Collaço (Harvard University)
Kosmopolitische Alben aus den Basaren von Istanbul: Produkte von globalen Netzwerken, 1650-1800.

Gwendolyn Collaço erforscht den städtischen Markt für Charaktergemälde im osmanischen Istanbul von der Mitte des 17. bis ins 18. Jahrhundert. Basarkünstler produzierten diese Kunstwerke für ein europäisches und osmanisches Publikum, das Gemälde bezogen auf ihr jeweiliges sozio-kulturelles Umfeld kaufte. Gwendolyn Collaço untersucht, welche Quellen die Künstler zu ihren Gemälden inspiriert haben und die Produktionsprozesse der Werke. Es soll analysiert werden, wie dieses Genre Vorbilder adaptierte, die aus dem Safawiden- und Mogulreich nach Istanbul gekommen waren. Das Projekt analysiert also globale Netzwerke von Handel und Austausch, wie sie von der städtischen Bevölkerung in dieser Zeit genutzt wurden. In einem nächsten Schritt soll untersucht werden, wie die Besitzer und Sammler diese Bilder in Alben zusammenstellten und so selbst zu deren künstlerischem Ausdruck beitrugen. Im osmanischen Kontext sammelten insbesondere lokale Literaten Basar-Gemälde, um sie in poetischen Rezitationen und Geschichtserzählungen zu verwenden. Für Alben, die ins Ausland exportiert wurden, lässt sich zeigen, wie sich diese Gemälde an die europäische Turquerie-Erwartungen anpassten. Das Projekt öffnet damit den Diskurs osmanischer Kunstgeschichte und Malerei über den Palast hinaus, und beschreibt die Auswirkungen der Malerei auf städtische Vorstellungen sowohl im Osmanischen Reich als auch im Ausland.

Gastwissenschaftler/-innen

Ayse Akyürek (École Practique des Hautes Études, Paris)
Die Mevleviyye im heutigen Istanbul

Ayşe Akyürek untersucht in ihrem sozialanthroplogischen Dissertationsprojekt das Wiederaufleben des Interesses an der Mevleviyye als Derwischorden am Ende des 20. Jahrhunderts, das aus dem Interesse an den Gedanken Dschelaleddin Rumis und an der Kultur sowie, als einem bedeutendem Teil davon, dem Tanz und der Musik der Mevleviyye entstanden ist. Die Arbeit widmet sich der rezenten Geschichte des Ordens und seiner Neugestaltung durch verschiedene Interessengruppen in der heutigen Türkei. Um diese Prozesse verstehen zu können, werden verschiedene Vereine und Stiftungen sowie von Scheichs geleitete Gruppierungen beobachtet. Die unterschiedlichen Interpretationen derselben Quelle durch die verschiedenen Gruppen sowie Praktiken und Neuerungen werden vergleichend analysiert. Die Legitimation des Scheichs, Rituale und die Weitergabe von Wissen gehören hierbei zu den wichtigsten Themen. Stiftungen und Vereine bilden die korporative Identität der Orden und damit die Aushängeschilder für Legitimität. Die dort bevorzugten sozialen, kulturellen und religiösen Aktivitäten werden im Hinblick auf neue Ausformungen der Derwischorden untersucht.

Matthew Ghazarian (Columbia University)
Hunger in einer Zeit der Unsicherheit: Katastrophen und ethnisch-religiöse Konflikte im osmanischen Anatolien (1839–1893)

Das sozial- und wirtschaftshistorische Dissertationsprojekt von Matthew Ghazarian befasst sich mit dem Konnex von ethnisch-religiösen Konflikten und humanitären Aktivitäten sowie der Frage, wie sich beide angesichts von Hunger und Armut als Konzept und Praxis im östlichen Anatolien des neunzehnten Jahrhunderts entwickelten. Wie schufen lokale Autoritäten, staatliche Bürokraten und ausländische Missionare im Zeitraum zwischen 1839 und 1893 materielle Bedingungen und Institutionen, die die Politisierung religiöser Kategorien bewirkten? Wie koexistierten Diskurse von Gleichheit und politischer Teilhabe mit einer Politik von Trennung und Exklusion, die bis in die Gegenwart andauert – oder ermöglichten diese gar in einer Zeit, als sich das Osmanische Reich nach dem Tanzimat-Edikt von 1839 in Richtung einer religiösen Gleichstellung entwickelte? Jüngere Forschungen haben gezeigt, dass der osmanische Staat, die europäischen Mächte und protestantische Missionare dazu beitrugen, Ideen von Differenz und Zugehörigkeit zu verändern. Matthew Ghazarians Forschungsprojekt baut auf diesen Arbeiten auf und verbindet sie mit einer genauen Betrachtung der materiellen und ökologischen Bedingungen, unter denen diese sich wandelnden Ideen verbreiteten. Der Schwerpunkt liegt auf den Perioden der damaligen Hungersnöte, die von instabilen ökologischen Bedingungen und schwierigen politischen und ökonomischen Entscheidungen geprägt waren. Ghazarian vergleicht die Reaktionen auf zwei größere Hungersnöte im osmanische Anatolien, 1879–81 und 1887–88. In vielen Regionen hing die Zuteilung von Hilfe davon ab, ob die Empfänger Muslime oder Christen waren: 1880 klagten Armenier in der Grenzstadt Doğubeyazıt, dass Offizielle die Hilfslieferungen für Christen zurückhielten. Im gleichen Jahr waren es in Van muslimische Kurden, die keine Hilfe bekamen. Von den 10.000 dortigen Toten waren 98 Prozent Kurden. Das Dissertationsprojekt stellt die These auf, dass die ungleiche Hilfsgütervergabe zu einer ungleichen Verteilung der ökonomischen und emotionalen Not führte und diese entlang der Grenzen von ethnisch-religiösen Gemeinschaften zu kollektiven Traumata – oder gar kollektiver Rache – führte. Dadurch verhärteten sich die Grenzen zwischen religiösen Gruppen und es wurde die Saat für die spätere interreligiöse Gewalt gelegt. (Abb. Siegel der Kommission für Hungerhilfe des Patriarchats der Armenisch-Apostolischen Kirche)