Armand Aupiais (Université de Paris)
Evangelikale Gläubige in der Türkei: Stadtkreisläufe, Religiöse Arbeit, Christliche Geschichte

Protestantische Kirche in Antakya, Foto: Armand Aupiais

In seiner Doktorarbeit befasst sich Armand Aupais mit den unterschiedlichen, vergangenen und gegenwärtigen protestantischen Präsenzen in Istanbul, basierend auf einer ethnographischen Umfrage in dreißig Kirchen. Untersucht werden die interdependenten und unsymmetrischen Beziehungen zwischen den evangelikalen Gruppen und den durch sie geformten städtischen Kreisläufen, je nachdem, ob es sich dabei mehrheitlich um westliche Ausländer, türkische Christen, türkische Konvertiten oder Migranten aus dem globalen Süden handelt. Daran anknüpfend konzentriert er sich auf die beiden letztgenannten Gruppen im Rahmen einer Untersuchung der wenigen ‘türkischen’, ‘Einwanderer-’ und ‘gemischten’ Kirchen. Die Dissertation zeigt wie die Aufteilung religiöser Arbeit, verflochten mit den sozialen Lebenswegen der Gläubigen, starke optimistische Narrative ausdrückt und dazu tendiert die Türkei als Herz des zeitgenössischen Christentums zu definieren. In Ergänzung zu seiner Dissertation erforscht er die Beteiligung der aus der Türkei stammenden und der aus dem globalen Süden kommenden Gläubigen ın der zeitgenössischen christlichen Landschaft der Türkei. Auf der Basis einer ethnographischen Untersuchung in mittelgroßen anatolischen Städten wird ermittelt, wie winzige und marginale Gruppen von Gläubigen, die nicht die Erben einer anerkannten Minderheitserinnerung sind, eine historische Kontinuität mit der osmanischen Vergangenheit rekonstruieren können, indem sie die Makroerzählungen der konfessionellen Teilung in Frage stellen oder sich sogar auf ein osmanisch-protestantisches Erbe berufen.

Jilian Ma (Koç-Universität, Istanbul)
Osmanisch/türkisch-chinesischer intellektueller Austausch zwischen 1908 und 1939

Zwei Fotos von Chinesen aus einem osmanischen Lehrbuch, Resimli Haritalı Coğrafya-ı Umumi (Üçüncü Sene) (Istanbul: İbrahim Hilmi Askeri Kütüphanesi, 1911), S. 125.

Das Dissertationsprojekt hat zum Ziel, den osmanisch/türkisch-chinesischen intellektuellen Austausch zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts nachzuverfolgen. Dies war eine Epoche, in der beide Länder nach Lösungen für vergleichbare Krisen des Verfalls im Inneren und Einmischung von außen suchten. In dieser Zeit gingen Großreiche unter, und Nationalstaaten entstanden im Zuge der Jungtürkenrevolution (1908-1909), dem türkischen Unabhängigkeitskrieg (1919-1923) und den sozioökonomischen Reformen in der Türkei sowie der Xinhai-Revolution (1911), der nationalistischen Revolution (1924-1927) und dem Agrarrevolutionskrieg (1927-1937) in China. In dieselbe Zeit fielen auch die osmanischen Versuche, einen Botschafter in Peking zu etablieren (1908, 1909), und die Unterzeichnung des chinesisch-türkischen Freundschaftspakts im Jahr 1934. Die Wege, auf denen die Türkei und China in die Moderne gezwungen wurden, begannen in dieser Zeit Gestalt anzunehmen, und die Gedanken und Ideen, die dabei entstanden, finden bis heute Widerhall.

Auf der Grundlage der Analyse sowohl osmanischer als auch chinesischer Archivdokumente, von Zeitungsartikeln, Reiseberichten und Memoiren einiger wichtiger Politiker und Intellektueller wird untersucht, was diese beiden entfernten Gesellschaften voneinander wussten, wie sie sich in Bezug auf politische Probleme der (National)Staatsbildung und religiöse Verbindungen gegenseitig darstellten und wahrnahmen, wie die Interaktion ihr Wissen voneinander prägte und welche Auswirkungen einige Dritte auf die Begegnungen dieser beiden Länder hatten. Durch die Verschiebung des Blickwinkels weg vom westlichen Diskurs über den „kranken Mann Europas“ und den „kranken Mann Asiens“ hin zu der Frage, wie diese beiden Länder einander tatsächlich wahrgenommen und miteinander interagiert haben, wird versucht, Licht auf den intellektuellen Austausch und die gegenseitigen Antworten auf die Herausforderungen zu werfen, mit denen zwei große nicht-westliche Mächte konfrontiert waren.

Jilian Ma ist seit 2019 Doktorandin am Fachbereich Geschichte der Koç-Universität in Istanbul, nachdem sie im Master-Programm für Nahost-Studien an der Middle East Technical University in Ankara studiert hat. Sie hat einen MA-Abschluss in China-Studien der Nationalen Universität Singapur und einen BA-Abschluss in Chinesischer Sprache und Literatur der Pekinger Universität für Sprache und Kultur. Frau Ma ist derzeit Gastwissenschaftlerin im Forschungsbereich „Selbstzeugnisse als Quellen für die Geschichte des späten Osmanischen Reiches“ des Orient-Instituts Istanbul.