Promotionsstipendiatinnen und -stipendiaten

Şafak Kılıçtepe (Indiana University, Bloomington)
Der Pronatalismus des High Tech-Staates und die Reproduktion kurdischer Frauen in der Türkei

Şafak Kılıçtepe ist Doktorandin im Fach Medizinanthropologie an der Indiana Universität, Bloomington. In ihrem Dissertationsprojekt untersucht sie, ob und in welchem Maße die Erfahrungen von Reproduktion und Infertilität von Frauen in politischen Spannungsgebieten der Türkei von der sich verändernden Minderheitenpolitik sowie dem politischen Islam beeinflusst werden. Dabei soll in einem interdisziplinären Ansatz die Methodik der Multi-Sited Ethnography zum Einsatz kommen. In diesem Kontext werden die Erfahrungen insbesondere sunnitischer kurdischer Frauen unterschiedlicher sozio-ökonomischer Statusgruppen erhoben und schwerpunktmäßig die Bereiche Assistive Reproduktionstechnologien (ART), In-vitro-Fertilisation (IVF) und die diesbezüglichen Regulierungen untersucht.

Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen Fragen zum Zugang und Transformationspotenzial von ART: für wen und wie sind Assistive Reproduktionstechnologien zugänglich, wie werden diese Wege ausgehandelt, und wie beeinflussen solche Technologien das Alltagsleben sowie die demographische Struktur? Diese Themen sind eng verknüpft mit – sich ändernder – staatlicher Politik, der Konstruktion des Nationalstaats und den ART-Regulierungen. Die erwünschten Kriterien von Staatsbürgerschaft bestimmen auch den Gebrauch und Zugang zu ART. Zentrale Fragen des Forschungsprojekts sind, wer in diesem Sinne „idealer“ Staatsbürger ist, wer nach welcher Definition als „ideal“ angesehen wird, sowie die Rolle kurdischer Frauen innerhalb dieser Definition. Daher ist auch die Frage wichtig, wie sich die Erfahrungen kurdischer Frauen bezüglich der Reproduktion von denen der als „ideal“ betrachteten Staatsbürgerinnen unterscheiden? Auf diesem Wege sollen neu entstehende Familienstrukturen und Geschlechterverständnisse mitsamt ihrer Verortung innerhalb der Definition des „Idealen“ beleuchtet werden.

Esther Voswinckel Filiz, M.A. (Ruhr-Universität Bochum)
Aziz Mahmud Hüdayi in Istanbul – Biographie eines Ortes

Mausoleum des Aziz Mahmud Hüdayi

Aziz Mahmud Hüdayi (1543–1628) ist eine weit über die Grenzen Istanbuls hinaus berühmte Persönlichkeit des osmanischen Sufismus. Er gilt als “zweiter Pir” (pîr-i sânî) des Celvetiyye-Ordens, als Lehrer verschiedener Sultane und als Schutzpatron der Seefahrer und des Bosporus. Sein Mausoleum (türbe) auf der asiatischen Seite Istanbuls, mitten im Viertel Üsküdar an einem Hang mit Blick aufs Wasser gelegen, ist ein lebendiger, von einem vielfältigen Publikum frequentierter, innerstädtischer Wallfahrtsort. Sprechen Istanbuler von Aziz Mahmud Hüdayi, meinen sie häufig sowohl den Sufi-Heiligen als Person als auch den spezifischen Ort, an dem der Heilige besucht wird: seine Grabstätte. Aus der Irritation über diese Nähe zwischen den Konzepten „Ort“ und „Person“ resultiert der zweite Teil des Titels: „Biographie eines Ortes“.

In dem religionsethnologischen Forschungsprojekt geht es um den Ort von Aziz Mahmud Hüdayi als religiösen Anziehungspunkt. Wie treten Menschen hier mit dem Heiligen in Beziehung und welche Rolle spielt die vielschichtig vorliegende Materialität der Stätte bei dem Aufbau dieser Beziehung? Zwischen 2013 und 2015 wurde das Mausoleum von Aziz Mahmud Hüdayi – wie auch zahlreiche andere Sakralstätten der Sufis in Istanbul zwischen 2010 und heute – aufwendig restauriert und anschließend wiedereröffnet. Die Restaurierung des Mausoleums ist der Ausgangspunkt der stationären Feldforschung in Üsküdar. Dabei steht im Zentrum der Untersuchung die besondere Ästhetik, Architektur und Ausstattung der türbe, die Untersuchung des Umgangs mit Elementen und Stofflichkeiten des Ortes. Dabei werden die Spuren der Dinge des Heiligen Aziz Mahmud Hüdayi verfolgt, welche heutzutage in verschiedenen Istanbuler Archiven aufbewahrt werden.

Innerhalb der zahlreichen Sakralstätten der Sufi-Orden in Istanbul stellt das Mausoleum von Aziz Mahmud Hüdayi einen Sonderfall dar. Nachdem im Jahr 1925 alle Sufi-Orden verboten und geschlossen worden waren, fielen die allermeisten Heiligengräber und Konvente (tekke) Plünderungen zum Opfer; viele Gebäude wurden dem Verfall überlassen oder abgerissen; ein großer Teil der rituellen Paraphernalia und Devotionalien der Orden ging verloren. Im Fall von Aziz Mahmud Hüdayi konnte jedoch eine Sammlung „persönlicher Hinterlassenschaften“ (emanetler) bis in die 1970er-Jahre im Mausoleum aufbewahrt werden. Die Untersuchung dieser Sammlung und die Bestandsaufnahme der heutigen Ausstattung des Mausoleums werfen Licht auf zahlreiche wichtige, heute nur noch an wenigen Heiligengräbern in Istanbul anzutreffende, rituelle Aspekte des Sufi-Heiligenkultes: etwa die Fertigung des Grabturbans (tâç-ı şerîf) mit seiner komplexen Symbolik oder der Brauch der Einkleidung des Kenotaphen mit bestimmten Tüchern.

Das Dissertationsprojekt stellt damit einen Beitrag zur Erforschung der materiellen Kultur des Sufismus dar; die Stofflichkeiten und „Dinge“ der Sufi-Orden zwischen 1925 und heute sind bisher kaum als eigene Dimension der Religionsgeschichte Istanbuls ausgewertet worden.

Mira Xenia Schwerda (Harvard University)
Revolutionäre Bilder: Eine Analyse früher politischer Photographie im Iran und im Osmanischen Reich

Mira Xenia Schwerda erforscht die erste nationale politische Protestbewegung des Iran, die Konstitutionelle Revolution (1905–1911). Als Resultat der Proteste wurden sowohl eine Verfassung als auch ein Parlament eingeführt. Dies wurde nicht nur in Wort und Bild dokumentiert, auch Photographie und Druckwesen spielten beim Zustandekommen der Revolution eine Rolle.

In ihrem Dissertationsprojekt argumentiert Mira Schwerda, dass sich die Proteste nur durch die Einführung und Anwendung neuer Technologien, beispielsweise Photographie, oder auch Drucktechniken wie der Lithographie, jenseits der Hauptstadt ausbreiten konnten. Visuelle Propaganda, insbesondere photographische Bildpostkarten, von denen heute Hunderte von Exemplaren erhalten sind, erlaubten es den Revolutionären, ihren Einfluss über den kleinen Kreis der Aktivisten hinaus auszuweiten. Während dieser Zeit spielte Istanbul als Zufluchtsort vieler iranischer Revolutionäre eine bedeutende Rolle. Osmanische und iranische Photographien und Drucke, die den politischen Wandel dokumentieren und kommentierten, zirkulierten sowohl im Iran als auch im Osmanischen Reich und beeinflussten sich gegenseitig. Bis heute sind sie jedoch nicht in Verbindung miteinander analysiert worden.

Thomas Ecker, Universität Bamberg, Iranistik
Persische Pilger in Istanbul

Thomas Ecker ist Doktorand im Fach Iranistik an der Universität Bamberg. Sein Promotionsprojekt beschäftigt sich mit persischen Reiseberichten über die Pilgerfahrt nach Mekka in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Reise nach Mekka gab Pilgern aus Iran jenseits des religiösen Anlasses die Gelegenheit, die Gegebenheiten in den durchreisten Gebieten kennen zu lernen. Ihren Berichten kann man entnehmen, wie sie die technologischen, sozialen, kulturellen und politischen Veränderungen dieser Territorien wahrnahmen, welche größtenteils zum Osmanischen Reich gehörten. Durch die Einführung der Dampfschifffahrt auf dem Kaspischen und dem Schwarzen Meer sowie dem Bau der transkaukasischen Eisenbahn führte der Weg persischer Pilger nach Mekka zunehmend über Istanbul. Der Aufenthalt in der Stadt stellte für diese einen Höhepunkt ihrer Reise dar. Über ihre Eindrücke von der osmanischen Hauptstadt berichteten sie in ihren Reisetagebüchern ausführlich. Im Rahmen des Promotionsprojekts sollen insbesondere Wahrnehmungsmuster und Vorprägungen untersucht werden. Weitere wichtige Forschungsfragen sind die folgenden: Zu welchen Aktivitäten wurde der Besuch genutzt? Mit welchen Personengruppen hatten persische Pilger Kontakt? Wie bewerteten sie die technologischen Neuerungen in der Stadt und was berichten sie über ihre Begegnungen mit europäischen Einwohnern der Stadt und deren Kultur? Welche Wahrnehmungsmuster und literarische Topoi lassen sich feststellen? Welche Spuren haben die persischen Pilger während ihres Aufenthalts in der Stadt hinterlassen? Damit will die Untersuchung auch einen Beitrag zur Sozialgeschichte Istanbuls in der Spätphase des Osmanischen Reiches leisten. Insbesondere soll das Projekt aber zu einem besseren Verständnis des Bewusstseinswandels persischer Eliten im 19. Jahrhundert beitragen.