Jilian Ma (Koç-Universität, Istanbul)
Osmanisch/türkisch-chinesischer intellektueller Austausch zwischen 1908 und 1939

Zwei Fotos von Chinesen aus einem osmanischen Lehrbuch, Resimli Haritalı Coğrafya-ı Umumi (Üçüncü Sene) (Istanbul: İbrahim Hilmi Askeri Kütüphanesi, 1911), S. 125.

Das Dissertationsprojekt hat zum Ziel, den osmanisch/türkisch-chinesischen intellektuellen Austausch zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts nachzuverfolgen. Dies war eine Epoche, in der beide Länder nach Lösungen für vergleichbare Krisen des Verfalls im Inneren und Einmischung von außen suchten. In dieser Zeit gingen Großreiche unter, und Nationalstaaten entstanden im Zuge der Jungtürkenrevolution (1908-1909), dem türkischen Unabhängigkeitskrieg (1919-1923) und den sozioökonomischen Reformen in der Türkei sowie der Xinhai-Revolution (1911), der nationalistischen Revolution (1924-1927) und dem Agrarrevolutionskrieg (1927-1937) in China. In dieselbe Zeit fielen auch die osmanischen Versuche, einen Botschafter in Peking zu etablieren (1908, 1909), und die Unterzeichnung des chinesisch-türkischen Freundschaftspakts im Jahr 1934. Die Wege, auf denen die Türkei und China in die Moderne gezwungen wurden, begannen in dieser Zeit Gestalt anzunehmen, und die Gedanken und Ideen, die dabei entstanden, finden bis heute Widerhall.

Auf der Grundlage der Analyse sowohl osmanischer als auch chinesischer Archivdokumente, von Zeitungsartikeln, Reiseberichten und Memoiren einiger wichtiger Politiker und Intellektueller wird untersucht, was diese beiden entfernten Gesellschaften voneinander wussten, wie sie sich in Bezug auf politische Probleme der (National)Staatsbildung und religiöse Verbindungen gegenseitig darstellten und wahrnahmen, wie die Interaktion ihr Wissen voneinander prägte und welche Auswirkungen einige Dritte auf die Begegnungen dieser beiden Länder hatten. Durch die Verschiebung des Blickwinkels weg vom westlichen Diskurs über den „kranken Mann Europas“ und den „kranken Mann Asiens“ hin zu der Frage, wie diese beiden Länder einander tatsächlich wahrgenommen und miteinander interagiert haben, wird versucht, Licht auf den intellektuellen Austausch und die gegenseitigen Antworten auf die Herausforderungen zu werfen, mit denen zwei große nicht-westliche Mächte konfrontiert waren.

Jilian Ma ist seit 2019 Doktorandin am Fachbereich Geschichte der Koç-Universität in Istanbul, nachdem sie im Master-Programm für Nahost-Studien an der Middle East Technical University in Ankara studiert hat. Sie hat einen MA-Abschluss in China-Studien der Nationalen Universität Singapur und einen BA-Abschluss in Chinesischer Sprache und Literatur der Pekinger Universität für Sprache und Kultur. Frau Ma ist derzeit Gastwissenschaftlerin im Forschungsbereich „Selbstzeugnisse als Quellen für die Geschichte des späten Osmanischen Reiches“ des Orient-Instituts Istanbul.