Dr. Maha AbdelMegeed (American University of Beirut)
Moderne arabische Sprache in den Wehen des Urabi-Aufstandes

Titelseite der Zeitschrift Abu Naddara Zar’a (The Man with the Blue Spectacles) 3 (1878), aus dem Archiv der AUB

Die Geschichte der arabischen Sprache muss erst noch geschrieben werden. Die uns vorliegenden Fragmente rücken das lange neunzehnte Jahrhundert als Zeitalter der Sprachmodernisierung jedoch in den Vordergrund. Aus dieser Perspektive werden Begriffe wie Sprachmodernisierung, Sprachdemokratisierung und Sprachvereinfachung zwar nicht als Synonyme verstanden, aber als gleichwertig behandelt. Somit bestärken die vorliegenden Fragmente die Auffassung, dass sich neue Medientechnologien (wie der Druck und das Telegramm), die moderne Wissenschaft und der Nationalismus auf die Modernisierung, Demokratisierung und Vereinfachung der arabischen Sprache auswirkten.

Mit Schwerpunkt auf der ‘Urabi Revolte (1879–1882) richtet das vorgestellte Projekt das Augenmerk auf die sozio-politischen Ausschreitungen, die sowohl Diskurse als auch Praktiken der arabischen Sprache im neunzehnten Jahrhundert geprägt haben. Das Forschungsvorhaben hat das Ziel, aufzuzeigen, dass die im Konflikt stehenden Transformationen des neunzehnten Jahrhunderts von dem Machtkampf darüber, wem es gestattet ist, sich auszudrücken, untermauert sind. Es resultiert daraus eine Fragestellung zu den Auseinandersetzungen um die Definition des Sprechens, sowohl in Bezug auf Rationalität und Willen als auch hinsichtlich der ordnungsgemäßen Form und des Stils der arabischen Sprache, durch die ein gepflegtes Sprechen in Abgrenzung zum „Plappern“ stattfindet. Dabei stellt sich heraus, dass Transformationen in der arabischen Sprache nicht unmittelbar aus etwas „Neuem“ (Technologie, Wissenschaft und Nationalismus) resultieren. Vielmehr zeugen die auftretenden Veränderungen von Spuren gesellschaftlicher Auseinandersetzungen, welche die spezifische Form, die das Moderne – einschließlich der arabischen Sprache – verkörpert, mitgestaltet haben.

Dr. Ambra D’Antone (The Warburg Institute – School of Advanced Study – University of London)
Das Fortbestehen der Erinnerung: Revivalismus und Nationalismus in der Türkei und in Großsyrien.

Von Kıvanç aus İstanbul, Türkei – İstanbul Toys Museum ( Karagöz And Hacivat), CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4092519

An der Schnittstelle zwischen der Geschichtsschreibung des Surrealismus und der modernen Kunst zeichnet dieses Projekt die Entstehung wichtiger sprachlicher Themen und kritischer Begriffe nach, die in kunsthistorischen Schriften in der Türkei, im Libanon und in Syrien zwischen 1930 und 1960 immer wieder auftauchen. Ein besonders hartnäckiger Begriff war das „Surreale“: Als kritischer Begriff, der aus den surrealistischen Diskursen übersetzt wurde, verlieh das „Surreale“ in der Kunstgeschichtsschreibung dieser Region den Kunstwerken die Kraft, über ihre gegenwärtigen historischen Umstände hinauszugehen, sich in die Vergangenheit oder in die Zukunft und über geografische Grenzen hinweg zu erstrecken und verschiedene Individuen und Kunstwerke unter gemeinsamen ästhetischen und philosophischen Zielen zu verbinden. Das Surreale erschwerte in diesen Kreisen eine eindeutige Beziehung zwischen Kunstschaffen und rationalistischen Erkenntnissen und wurde von Kunsthistorikern in Projekten eingesetzt, die versuchten, ihre nationale Kunstproduktion „umzuschreiben“, wiederzubeleben oder anderweitig neu zu verorten, motiviert durch politische und nationalistische Debatten. Zu den Fallstudien des Projekts gehören: die Artikulation eines surrealistischen Vokabulars durch wissenschaftliche Methoden im Syrien der 1940er Jahre; die Schriften von Ismayıl Hakkı Baltacıoğlu (1886-1978) über das Schattentheater in der Türkei der 1940er Jahre; die Formulierung einer türkischen „Kulturgeschichte“ in den Schriften von Mazhar Şevket İpşiroğlu (1908-1985).

Dr. Ambra D’Antone ist Historikerin des Surrealismus und der Moderne mit besonderem Schwerpunkt auf der Geschichtsschreibung der Türkei und Großsyriens zu Beginn und in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts. Derzeit arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin des in Kooperation mit der Max Weber durchgeführten internationalen Forschungsprojekts Bilderfahrzeuge am Warburg Institute in London. Zu ihren jüngsten Veröffentlichungen gehören „Looking Past: Turkish Surrealism in Translation“, in Surrealism in North Africa and Western Asia: Crossings and Encounters, herausgegeben von Monique Bellan und Julia Drost (Ergon, 2021) und „Taking Time: Fateh Moudarres’ Works on Paper and Syrian Chronology between Modernity and Contemporaneity „, in Hiwar: Sense and Intuition. Herausgegeben von Mouna Atassi und Shireen Atassi (Kaph Books, 2022). Dr. Ambra D’Antone ist derzeit eine Post-Doc Gerald D. Feldman-Stipendiatin am Orient-Institut Istanbul.

Suzanne Compagnon, M.A. M.A. (Marietta Blau Scholarship Awardee, University of Vienna and Sabancı University)
Bekleidete Figuren und deren Darstellung in der osmanischen Buchmalerei

Album Arabe 6077, BnF, Paris (Arbeitsfoto der Autorin mit Erlaubnis der französischen Nationalbibliothek)

Das Dissertationsprojekt konzentriert sich auf zwei Gruppen osmanischer Gemälde aus dem 18. Jahrhundert, die alle ein deutliches Interesse an der Darstellung von Kleidung zeigen. Es handelt sich um Einzelblattbilder, die einerseits Abdülcelil Çelebi Levni (gest. 1732) und andererseits Abdullah Buhari (zw. 1726 und 1745 tätig) zugeschrieben werden. In dieser Arbeit wird anhand der Kodikologie die Geschichte der Einzelblätter und der Alben, die sie einschließen, nachgezeichnet. Die kodikologische Untersuchung des Korpus bildet die Grundlage für die Diskussion der Darstellung in den Levni und Buhari zugeschriebenen Einzelblättern. Die vorherrschende Meinung zu diesen Werken ist, dass sie den Prozess der „Verwestlichung“ widerspiegeln, von dem man annimmt, dass er im Osmanischen Reich im achtzehnten Jahrhundert verstärkt stattfand. Dieser Begriff wird selten genau definiert, aber im Zusammenhang mit diesen Buchmalereien kann er als Interesse an europäischer Kunst und europäischen illusionistischen Techniken verstanden werden. So wird in der Forschung davon ausgegangen, dass die osmanischen Maler in dieser Zeit bewusst „Schattierung“, „Perspektive“ und einen größeren „Realismus“ einführten, die allesamt als „westliche“ künstlerische Merkmale bezeichnet werden. Bei der Betrachtung der Gemälde wird jedoch deutlich, dass diese kunsthistorischen Begriffe auf unterschiedliche künstlerische Phänomene angewendet werden. Zusätzlich zu seiner Unschärfe verleiht der Rahmen der „Verwestlichung“ allen mit Europa verbundenen Dingen ein unverhältnismäßiges Gewicht und lässt die Bedeutung von Darstellungen aus anderen Teilen der islamischen Welt für das Verständnis der Levni und Buhari zugeschriebenen Werke außer Acht. Das Dissertationsprojekt bietet eine umfassende theoretische Diskussion über Darstellung in der osmanischen Buchmalerei sowie die erste kritische Untersuchung von Kleidung als Bildthema in diesem Bereich.