Prof. Dr. Gülay Yılmaz (Akdeniz Üniversity, Department of History)
Die Knabenlese im Osmanischen Reich, 1450-1650

Devschirme Rekrutierung, Arifi, Süleymanname, Topkapı Sarayı Müzesi, H. 1517

Ziel dieses Projekts ist es, eine maßgebliche wissenschaftliche Monografie über die Knabenlese im Osmanischen Reich, das Devschirme-System zu verfassen, ein System der Sklaverei, das für die Entstehung des Osmanischen Reiches von entscheidender Bedeutung war, aber immer noch unzureichend verstanden wird. Über Jahrhunderte hinweg haben die Osmanen Kinder aus der christlichen Bevölkerung des Reiches ausgehoben. Diese Kinder wurden zum Islam konvertiert, auf Türkisch erzogen und unterrichtet und schließlich in Verwaltungs- und Militärposten eingesetzt. Die osmanischen Historiker haben sich bei der Darstellung der Devschirme-Institution vorwiegend auf selbst der Devschirme entstammende osmanische Staatsmänner oder auf das berühmteste „Endprodukt“ des Sklavenregimes, die Janitscharenarmee, konzentriert. Stattdessen wird das aktuelle Projekt die Aufmerksamkeit auf die imperiale Politik der Rekrutierung, ihre Verbindung mit den Herrschaftsmethoden auf dem Balkan und auf die Kinder und Jugendlichen lenken, die in diese Politik verwickelt waren. Es wird die Handlungsfähigkeit dieser übersehenen historischen Akteure untersuchen und die verkörperten Erfahrungen mit dieser Institution der Sklaverei sowohl als osmanisches Phänomen als auch als Teil zeitgenössischer globaler Zwangsarbeitsregime analysieren. Dieses Projekt wird wenig genutzte archivarische Aufzeichnungen wie das einzigartige Abgabenregister von 1603-4, Lohnregister, narrative Quellen sowie Miniaturen verwenden, um eine kritische Darstellung des Devschirme-Systems von der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts bis zu seinem Untergang in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts zu liefern.

Simone Salmon, Doktorandin in Ethnomusikologie (Universität von Kalifornien, Los Angeles)
Yaşa! Vielfalt, Ort und Erinnerung in der türkisch-jüdischen Musik

Isaac Sene auf einem der zahlreichen „Turk Town“ Picknicke im Ladera Park in Los Angeles im Jahre 1972. Ausschnitt aus einer unbekann-ten Zeitung.

Simone Salmon untersucht in ihrer Dissertation den Zustand der jüdischen Musik in einem Klima des türkischen Ethnonationalismus, der Juden, die sich das moderne Spanien als neue Heimat vorstellen, dazu veranlasst, ihre imaginäre Erinnerung an das alte Sefarad zu beschwören. Sie vergleicht die türkische Erfahrung mit der Erfahrung von Mitgliedern der türkisch-jüdischen Diaspora in Los Angeles, die nicht nur das alte Spanien, sondern auch das Osmanische Reich als ihre Heimat betrachten.

Die Juden in Istanbul bewegen sich auf einem schmalen Grat zwischen der stillschweigenden Unterstützung der regierenden Partei und ihrer Ablehnung bei Wahlen. Das Oberrabbinat arbeitet mit türkischen Vertretern der Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) zusammen, während sich das Jüdische Museum Istanbuls rühmt, dem Land dafür zu danken, dass es seinen Juden eine sichere Heimat bietet. Angesichts des zunehmenden Antisemitismus wird diese Spannung dadurch verstärkt, dass die meisten öffentlichkeitswirksamen jüdischen Veranstaltungen auf staatliche Mittel angewiesen sind, um den Stolz auf das „bunte kulturelle Mosaik“ des Landes zeigen zu können. Diese Unsicherheit hat dazu geführt, dass einige einheimische jüdische Musiker Spanien als neue Heimat ansehen, um das Land zu ersetzen, das sich immer mehr wie ein bloßes Gastland anfühlt, während zugewanderte jüdische Musiker Istanbul als Zufluchtsstätte ansehen, um den Schrecken des russisch-ukrainischen Krieges zu entkommen.

Für die türkischstämmigen Sephardim und die Diaspora in Los Angeles ist dieser Ersatz eine Wiederherstellung – eine Rückkehr zu Sefarad -, die sich in den gegensätzlichen Musikstilen der Istanbuler und der Los Angeleser Juden widerspiegelt und die Zweideutigkeit ihrer Identität als westliche oder östliche, traditionelle oder moderne Menschen verdeutlicht. Darüber hinaus bietet der Zugang zu einem spanischen Pass den türkischen Juden die Möglichkeit, einer Wirtschaftskrise zu entkommen, die sich mit nahezu exponentieller Geschwindigkeit verschärft. Diese Dissertation befasst sich mit den Auswirkungen des Musizierens von Angehörigen der türkischen Minderheit in einer Zeit, in der die nationale Zugehörigkeit nicht von der Staatsbürgerschaft im juristischen Sinne, sondern der persönlichen Perspektive abhängt, und untersucht die starke Anziehungskraft der Nostalgie, die sich auf Musik stützt, um die Grenzen von Zeit, Raum und kollektivem Gedächtnis für Juden in der Türkei und den Vereinigten Staaten zu überwinden.

Audrey Wozniak, M.A. (Harvard University)
Eine Disziplin für die Nation: Chöre der türkischen klassischen Musik in Geschichte und Praxis

Cumhurbaşkanlığı Klasik Türk Müziği Korosu (Chor für Klassische Türkische Musik des Präsidialamtes) Koncert, Istanbul, November 2021. Foto: Audrey Wozniak

Cumhurbaşkanlığı Klasik Türk Müziği Korosu (Chor für Klassische Türkische Musik des Präsidialamtes) Konzert, Istanbul, November 2021. Foto: Audrey Wozniak

Mein Forschungsprojekt beschäftigt sich mit einem außergewöhnlichen, aber oft übersehenen Phänomen der türkischen klassischen Musik, das Hand in Hand mit der Gründung der Republik Türkei durch Mustafa Kemal Atatürk im Jahre 1923 ging: Die Entstehung von zahlreichen Chören neuen Typs in der gesamten Republik, teils im Staatsdienst teils in Amateurhand, was auch einen fundamentalen Wandel der musikalischen Gattungen und der Aufführungspraxis nach sich zog. Zentrale These in Wozniaks Forschungsprojekt ist, dass scheinbar außermusikalische soziale und politische Geschehnisse während des Niedergangs des Osmanischen Reichs und des Entstehens der Republik Türkei in den neu aufkommenden Chören der türkischen klassischen Musik ihren Niederschlag fanden. Dadurch können diese als wertvolle soziokulturelle Microkosmen gelten, in denen Ängste und Auseinandersetzungen über (persönliche und nationale) Identität in Proben- und Aufführungspraxis ausgelebt werden. Mit ethnographischer und archivbasierter Methode begibt sich das Forschungsvorhaben sowohl auf die Spuren des historischen Phänomens des Chors als Ensemblekonstellation in der türkischen klassischen Musik während des letzten Jahrhunderts als auch seiner mannigfachen aktuellen Verkörperungen in städtischen Kontexten der Türkei sowie der Diaspora. Mein Projekt ist das erste, das Chöre der türkischen klassischen Musik als Schauplätze in den Blick nimmt, in denen Auseinandersetzungen um »Türkentum« und die Besorgnis über politische, kulturelle und soziale Werte nach wie vor ausagiert werden. Die Arbeit setzt sich zum Ziel, dass die Dokumentation zur kulturellen und politischen Bedeutung von Chören der türkischen klassischen Musik einen nachhaltigen nationalen und internationalen Einfluss erlangt, indem sie aufzeigt, wie eine besondere Verkörperung des türkischen Kulturerbes Bedeutung für die Staatsbürger:innen der Türkei und Türk:innen auf der ganzen Welt gewinnen konnte.