Yasemin Akçagüner (Columbia University)
Himmlische Körper: Astralwissenschaft, Medizin und der osmanische Lebenszyklus (1768-1839)

Ebu Bekir Nusret b. Abdullah El-Harputi (d. 1795), Ma Hazar fi’t-Tıb, Tire Necip Paşa Kütüphanesi, Diğer Vakıflar MS 206.

In ihrer Dissertation untersucht Yasemin Akçagüner die Geschichte von Lebenszyklen im Osmanischen Reich zu Beginn des 19. Jahrhunderts unter Betonung der Rolle, die Astrowissenschaft und Medizin auf das Verständnis vom Körper ausübten. Sie erforscht, wie Osmanen mit sich verändernden Wissenspraktiken umgingen, um sich so ihre Zukunft vorzustellen, dem Älterwerden eine Bedeutung zuzuschreiben, sowie unterschiedliche Lebensphasen voneinander abzugrenzen. Im Rahmen des Forschungsfeldes “Mensch, Medizin und Gesellschaft” am Orient-Institut Istanbul erforscht Yasemin Akçagüner spätosmanische medizinische Handschriften. Hierbei untersucht sie, wie sich wandelnde wissenschaftliche Vorstellungen von Körper, Gesundheit und Krankheit Zukunftserwartungen beeinflussten. Medizinisches Allgemeinwissen wird medizinischem Fachwissen gegenübergestellt, indem Randnotizen und Leserkommentare unterschiedlicher als Handschriften erhaltener Fachabhandlungen miteinander abgeglichen werden. Yasemin Akçagüner untersucht die Professionalisierung medizinischer Praxis im frühen neunzehnten Jahrhundert als eine Reaktion auf die von Historiker*innen beschriebene “Existenzkrise des Reichs” im späten 18. Jahrhundert. Somit erkundet ihr Projekt, wie sich Osmanen unterschiedlicher sozialer Herkunft den Verlauf ihres physischen Lebens vorstellten und wie sich die Existenzkrise des Osmanischen Reichs in diesen Vorstellungen widerspiegelte.

Uldanay Jumabay, M.A. (Goethe Universität Frankfurt am Main)
Satzverbindungsstrategien des in China gesprochenen Kasachischen in vergleichender Perspektive

Ein Ausschnitt aus dem Alltagsleben kazachischer Nomaden. Foto: Uldanay Jumabay.

Kasachisch, eine der offiziellen Sprachen Kasachstans, gehört zum kiptschakischen oder nordwestlichen Zweig der Turksprachen. Kasachisch ist nahe verwandt mit anderen südkiptschakischen Sprachen wie Kirgisisch, Nogaisch, Karakalpakisch und Kiptschak-Usbekisch. Über zehn Millionen Kasachisch-Sprecher leben in der Republik Kasachstan, im Nordwesten Chinas (Xinjiang) und in der Mongolei.

Die Turksprachen haben eine Reihe von typologischen Eigenschaften gemeinsam, z. B. ist ihre grundlegende Wortstellung üblicherweise Subjekt-Objekt-Prädikat. Die typische türkische Syntax ist linksverzweigend, also kopffinal. Eingebettete Sätze basieren auf nicht-finiten Verben wie Aktionsnominalen, Partizipialnominalen und Konverben. Die nicht-finite Verbalmorphologie fungiert als gebundene Subjunktoren, die die Sätze als eingebettet kennzeichnen. Diese gebundenen Subjunktoren entsprechen den englischen freien Subjunktoren, Relativpronomen und Adverbien. Das Forschungsprojekt zielt darauf ab, einige ausgewählte syntaktische Eigenschaften des in China gesprochenen Kasachischen zu beschreiben. Insbesondere soll untersucht werden, wie die typisch türkischen Merkmale in den kasachischen Satzkombinationsstrategien repräsentiert sind und welche sprachlichen Besonderheiten das Kasachische im Vergleich zu anderen Turksprachen, wie z.B. dem Türkischen, aufweist. Die kasachische Syntax ist weniger erforscht als die türkeitürkische, so dass eine vergleichende Analyse zu neuen Erkenntnissen führen wird. Besondere Aufmerksamkeit wird der Analyse der morphologischen und semantisch-funktionalen Eigenschaften der gebundenen Junktoren gewidmet.

Jilian Ma, M.A. (Koç Üniversitesi)
Osmanisch/türkisch-chinesische intellektuelle Beziehungen vom späten neunzehnten bis zum frühen zwanzigsten Jahrhundert

Zwei osmanische Werke über den Islam in China: Kolcalı Abdülaziz, Çin’de Din-i Mübin-i İslam ve Çin Müslümanları, İstanbul: 1321(1903/1904); Hasan Tahsin, Çin’de İslamiyet , İstanbul: Tercüman-ı Hakikat Matbaası, 1322(1904/1905).

Dieses Projekt konzentriert sich auf den Transfer von Wissen und Menschen in einem globalen Kontext und versucht, die osmanisch/türkisch-chinesischen Verbindungen und die gegenseitige Wahrnehmung vom späten 19. bis zum frühen 20. Jahrhundert nachzuzeichnen, als beide Gesellschaften versuchten, sich auf der globalen Bühne zu positionieren. Es wird untersucht, wie sich diese beiden weit voneinander entfernten Gesellschaften auf der Diskursebene in Bezug auf geografisches Bewusstsein und aktuelle Angelegenheiten gegenseitig vorstellten, wahrnahmen und erzählten; wie sie auf der Praxisebene über offizielle und inoffizielle Kanäle wie Außenpolitik, offizielle Missionen und verschiedene Arten von Reisen interagierten; wie diese Interaktionen ihr Wissen übereinander (das Wissen selbst und die Formen des Wissens) prägten; welche Kontexte die Zirkulation von Wissen zwischen den beiden Gesellschaften förderten; und wie dieses Wissen von oder über die andere Seite organisiert und in die mehrdimensionalen Ideologien der lokalen Gesellschaften aufgenommen wurde und zu weiteren Kontakten führte. Durch die Verschiebung der Perspektive weg von den westlich geprägten Bildern vom „kranken Mann Europas“ und dem „kranken Mann Asiens“ hin zu einer gegenseitigen Bezugnahme dieser beiden Entitäten zielt diese Studie darauf ab, den gegenseitigen intellektuellen Einfluss der nicht-westlichen Länder offenzulegen – in seinen Möglichkeiten und Beschränkungen – und versucht, die jeweiligen internen Veränderungsprozesse dieser beiden Gesellschaften sowie ihre gegenseitige Schaffung eines dialogischen Netzwerks von multidirektionalen Interaktionen zu beleuchten.

Dimitrios Giagtzoglou, M.A. (University of Crete)
Die osmanische «Wissenschaft der Buchstaben» in Theorie und Praxis: Prinzipien, Methoden, Menschen und Quellen

Figure: Şücaüddin İlyas b. İsa b. Mecdüddin es-Saruhani, (d. 967/1559), Ferahnâme, Süleymaniye Kütüphanesi, Carullah MS 1539.

Im Laufe der letzten fünfzehn Jahre haben sich viele ausgezeichnete Bücher, Artikel und Zeitschriften ausführlich mit den verschiedenen Aspekten und Formen des islamischen okkulten Wissens auseinandergesetzt. Leider legten nur wenige dieser Studien ihren Fokus auf eine der wichtigsten Epochen der Geschichte des Nahen Ostens und des Balkans, die des Osmanischen Reiches. Dieses Projekt zielt darauf ab, durch das Studium der Buchstabenmystik, einer der charakteristischsten Formen verborgener Wissenschaften in der islamischen Welt, zu diesem Forschungsgebiet beizutragen. Die Wissenschaft von den Buchstaben (‘ilm al-ḥurūf) oder Lettrism, wie sie üblicherweise von zeitgenössischen Gelehrten definiert wird, könnte knapp als die Zuschreibung mystischer Qualitäten zu den Buchstaben des Alphabets beschrieben werden. In der islamischen Geographie sind die Werke von Muhyiddin ibn Arabi und Ahmed al-Buni die zentralen Beispiele von Lettrism, die sowohl den philosophischen Inhalt der Geheimwissenschaften als auch ihre Funktionsweise in der Praxis offenbaren. Viele der Jünger dieser bedeutenden Lettristen setzten dieses Erbe fort und ihr Einfluss erstreckte bis in die Herrscherhäuser arabischer Länder und Persiens. Für die osmanischen Sultane, die sich seit Mitte des 14. Jahrhunderts als wichtige politische Macht unter den anderen anatolischen Emiraten zu etablieren versuchten, war die Förderung der Buchstabenwissenschaft ein nützliches Werkzeug, um ihre imperiale Ideologie zu entwickeln und ihre politische Autorität zu legitimieren. In diesem Prozess wurden talismanische Objekte wie Hemden und geschriebene Amulette hergestellt, um Mitglieder der Sultansfamilie zu schützen, während einige der prominentesten Mitglieder der Ulema die Buchstabenwissenschaft, dazu nutzten, den Herrschern wichtige Ereignisse zu prophezeien. Darüber hinaus haben verschiedene Sufi-Kreise die Literatur benutzt, um den Koran zu interpretieren und die Realitäten und Qualitäten des Universums und der Welt um sie herum zu verstehen. Das Projekt führt all diese unterschiedlichen Stimmen zusammen und schickt sich an, sie in den intellektuellen Diskursen wie auch der sozialen und politischen Dynamik Anatoliens und des Osmanischen Reiches zu beschreiben, zu analysieren und vor allem zu kontextualisieren.

Mehdi Mirabian Tabar (Ludwig-Maximilians-Universität München)
Theologisch-politische Hindernisse bei der Errichtung eines modernen Staates im Iran: Eine Studie über die iranische Verfassungsbewegung von 1906

Eröffnung der ersten Nationalversammlung (Majlis) im Hofe der Militärakademie von Teheran (1906)

Im Iran war das 19. Jahrhundert, das mit der Herrschaft der Qadscharen-Dynastie zusammenfiel, eine Zeit tiefgreifender Veränderungen in Wirtschaft, Politik und Kultur. Erste Vorstellungen vom Konstitutionalismus verbreiteten sich im Iran bereits im frühen 19. Jahrhundert, als eine Gruppe von Intellektuellen moderne Konzepte und Ideen, wie Rechtsstaatlichkeit, konstitutionelle Monarchie, Freiheit und Gleichheit in das Land einführten. Das Hauptziel der konstitutionellen Bewegung bestand darin, die absolute Macht des Schahs zu beschneiden, eine Reihe von Gesetzen nach europäischem Vorbild zu schaffen und einen auf Rechtsstaatlichkeit basierenden Staat zu konstituieren. Dies war aus zwei Gründen nicht leicht zu erreichen: Erstens lehnte der Schah jede Einschränkung seiner absoluten Macht ab, und zweitens hielten die schiitischen Geistlichen die Idee, Gesetze zu erlassen, für einen Widerspruch zum Islam. Was die Situation für die Vertreter des Konstitutionalismus jedoch noch erschwerte, war die Zusammenarbeit zwischen dem Schah und den schiitischen Geistlichen, die ihre Wurzeln in der Safawiden-Zeit (1501-1736) hatte und während der Qadscharen-Dynastie ihren Höhepunkt erreichte. Mit der allmählichen Verbreitung des konstitutionellen Denkens im Iran wurde aus dieser Zusammenarbeit eine Koalition, die den Konstitutionalismus ablehnte und das alte Regime befürwortete. In dieser Studie soll diese Koalition als theologisch-politisches Hindernis für die Errichtung eines modernen Staates im Iran untersucht werden: eines Staates, der auf Gesetzen beruht, die von der eigenständigen menschlichen Vernunft in einer von Gottes Gesetz und seinem souveränen Willen geleiteten Gemeinschaft ausgehen.

Douglas Mattsson, Södertörn Universität, Stockholm
Religiöse semiotische Ressourcen in Black Metal Musik und die Ausbreitung von Subkulturen

Douglas Mattsson ist Doktorand am Institut für Religionswissenschaft an der Södertörn Universität in Stockholm, Schweden. Gegenstand seiner Dissertation ist die türkische Black Metal-Szene. Sein Forschungsansatz verbindet religionswissenschaftliche Perspektiven mit dem Studium von Jugend- und Subkulturen in muslimisch geprägten Gesellschaften. Ziel seiner Dissertation ist die umfassende Analyse einer Subkultur, die sich bereits seit Beginn der 1990er Jahre in der Türkei etabliert hat. Besonderes Interesse gilt der Frage, wie innerhalb der Szene religiöse semiotische Ressourcen genutzt werden, um Gedanken und Meinungen zum Thema Religion in der Türkei zu kommunizieren. Mattssons jüngste Publikationen umfassen Beiträge in den Sammelbänden The Politics of Culture in Contemporary Turkey (Pierre Hecker, Ivo Furman (Hrsg.) Edinburgh University Press, 2021) und Living Metal: Metal Scenes around the World (Bryan Bardine, Jerome Stueart (eds.) Intellect, 2021).