Filme und Forschung am OII: Das Filmforum „Iran at the Crossways“, 12. – 13. November 2021

Autorin: Dr. Katja Rieck

5 November 2021

Wissenschaft und Film, wie passt das zusammen?

Wenn wir an Filme denken, dann meistens an einem gemütlichen Abend mit Netflix, oder vielleicht an einem Blockbuster im Kino. Entspannung und Unterhaltung stehen im Vordergrund. Der künstlerische-ästhetische Anspruch kann auch eine Rolle spielen; man findet es spannend, in neuen Perspektiven und Formen des Ausdrucks eintauchen zu können.

Manche von uns schauen auch gerne mal einen Dokumentarfilm, weil wir Interesse an bestimmten gesellschaftlichen Themen haben oder neugierig auf Dinge sind, die uns jeden Tag berühren, aber wir uns selten darüber Gedanken machen. Hier kommen wir der Sache etwas näher. Manche Dokumentarfilme berichten sogar über Erkenntnisse aus der Wissenschaft, werden vielleicht in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern/-innen gedreht. Anders als die Bücher und Artikel, die wir schreiben müssen, um unsere Forschungsergebnisse einem (meist relativ kleinen) Fachpublikum mitzuteilen, sprechen Dokumentarfilme eine interessierte Öffentlichkeit an. Ein Film von dreißig oder sechzig Minuten ist schließlich wesentlich zugänglicher als ein Artikel in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift, der meist auch noch hinter einer teuren Paywall versteckt ist.

Jenseits von TED Talks – die Suche nach neuen Wegen der Wissenschaftskommunikation

In der Wissenschaft werden Forderungen immer lauter, nicht nur Fachbücher und -artikel zu schreiben, die tendenziell das Gespräch mit den Kollegen suchen, sondern auch unsere Arbeit mit einer breiteren Öffentlichkeit zu teilen. Die TED Talks (kurze Video-Vorträge zu wissenschaftlichen Themen), die es seit 1984 schon gibt, aber besonders seit den 2000ern zu einem global öffentlichkeitswirksamen Phänomen geworden sind, waren und sind hier sicherlich prägend. Diese TED Talks haben gezeigt, dass Wissenschaft für eine breitere (sprich nicht-fachliche) Öffentlichkeit spannend und unterhaltsam sein kann. Inzwischen sind Bücher wie „TED Talks: Die Kunst der öffentlichen Rede“ (Verlag 2017) sogar für Studierende im ersten Semester Pflichtlektüre. Der Anspruch, Wissenschaft verständlich und möglichst unterhaltsam zu präsentieren, ist nun allgegenwärtig. Aber TED Talks sind ja nur eine Möglichkeit, das zu machen und inzwischen auch nicht mehr sonderlich originell. Hier kommen wir wieder auf das Thema Filme zurück.

Filmforum „Iran at the Crossways“ – Brücke zwischen Forschungsarbeit und Öffentlichkeit

Warum nicht mittels Filme mit einem „fachfernen Publikum“ über unsere Forschungen sprechen? Und so kam die Idee für das Filmforum „Iran at the Crossways: Dokumentationen und Dialoge über eine Gesellschaft im Wandel“, bei dem drei Forschungsfelder des Orient-Institut Istanbul mittels Filme sich mit der Öffentlichkeit über ihre Forschungsprojekte austauschen und dabei auch den neuen regionalen Schwerpunkt des OII Iran vorstellen.

Was mit der „Medikalisierung von Männlichkeit“ oder der „Eigensinn des Haares“ gemeint ist – zwei Themen, mit denen sich das OII Forschungsfeld „Mensch, Medizin, Gesellschaft“ in einem Projekt beschäftigt hat – wird verständlicher, wenn man sich dem Schicksal eines jungen Iraners widmet, der davon überzeugt ist, dass viele seiner Probleme gelöst wären, wenn er keine Glatze mehr hätte und sich einer Haartransplantation unterziehen würde, wie im Film „Das Erbe meines Stiefvaters“ („Stepfather‘s Legacy“) geschildert wird. Über die Tragweite der Möglichkeiten, den menschlichen Körper durch technische-medizinische Eingriffe zu verändern, machen sich auch Künstler Gedanken. Und so können über das Medium Film Wissenschaft, Kunst und Gesellschaft in Austausch treten über welche Möglichkeiten und Verletzlichkeiten mit Körpermodifikationen einhergehen und wie diese sich je nach Geschlecht, kultureller Zugehörigkeit oder Klasse, unterschiedlich auswirken können.

Im OII Forschungsfeld „Religionsgeschichte Anatoliens“ beschäftigt man sich dagegen mit den wissenschaftlichen Möglichkeiten einer neueren Perspektive in der Religionsforschung, dem der „materiellen Religion“ (in der Fachsprache: Material Religion). Während Religionswissenschaftler/-innen sehr lange den Zugang zu Religion über „heilige Schriften“ und verwandte Texte suchten, betont diese neue Perspektive, dass Religion etwas ist, was Menschen tun und was sie mit allen Sinnen leben und fühlen. Die Filme des Themenblocks „Landschaften des Religiösen“ beschäftigen sich auf unterschiedliche Weise mit „gelebter Religion“ in Iran. Man sieht, dass religiöse Schriften für die Filmprotagonisten nicht so sehr im Vordergrund stehen, sondern dass Religion viel mehr mit gelebten Werten, Gemeinschaft und Heimat zu tun hat, und dass dabei das gemeinsame „Tun“ wichtig ist. Dieser lebensnahe Blick auf Religion wäre umso wichtiger zu reflektieren in einer Zeit, in der man in Deutschland und anderen Europäischen Ländern, sich schwertut, mit der Religiosität mancher Teile der Bevölkerung umzugehen.

Das dritte OII Forschungsfeld, was sich am Filmforum beteiligt, ist das Forschungsfeld „Musik im osmanischen Reich und der Türkei“, was sich aufgrund der regionalen Erweiterung der Arbeit des Orient-Institut Istanbul gegenwärtig auch mit klassischer iranischer Musik beschäftigt. Für das Filmforum hat sich das Forschungsfeld für einen Film entschieden, der von einem Kollegen in der Musikwissenschaft gedreht wurde. Der Film „Zurkhaneh – The House of Strength“ beschäftigt sich mit der iranischen Sportart des Zurkhaneh, eine Sportart, die aus unterschiedlichen Kraftsportdisziplinen besteht, aber für die Praktizierenden nicht nur eine Sportmöglichkeit darstellt, sondern ein Raum für (männliche) Charakterbildung. Musik spielt bei dieser „Sportart“ interessanterweise aber auch eine wichtige Rolle, und im Gespräch mit dem Filmemacher–Wissenschaftler bekommt man Einblicke welche neuen Perspektiven sich aus der Musikwissenschaft auf diese Sportart ergeben.

Da weder Kunst noch Wissenschaft in einem freien Raum stattfinden, widmen wir einen Teil des Filmforums einem Gespräch über die „Produktionsbedingungen“ iranischer Dokumentarfilme, die viele Ähnlichkeiten aufweisen mit den Bedingungen der Iranforschung. Politische rote Linien und Zensur, Ungleichheiten in der finanziellen Förderung, institutionelle Rahmenbedingungen und die Instrumentalisierung der eigenen Arbeit für fremde politische Zwecke sind Herausforderungen, die sich sowohl Filmemacher/-innen wie auch Wissenschaftler/-innen stellen müssen. Das Gespräch gibt damit Einblicke in die Komplexität der Umstände unter denen Filmemacher/-innen und Wissenschaftler/-innen im und über Iran arbeiten.

Interesse geweckt?

Falls Ihr Interesse am Filmforum „Iran at the Crossways“ geweckt wurde, finden Sie Programm und Anmeldung auf der Webseite: www.filmforum-iran.org.

Mehr über unsere wissenschaftliche Arbeit, die diesem Filmforum zugrunde liegt, finden Sie unter https://www.oiist.org/iran/.

Aufgrund der unsicheren Lage der Coronapandemie findet das Filmforum online statt. Das online Format hat uns ermöglicht, die Veranstaltung durch durchgehend deutschsprachige Live-Untertitelung zugänglich zu machen. Gehörlose, Hörgeschädigte und Personen, die bei englischsprachigen Diskussionen deutschsprachige Untertitelung hilfreich finden, können damit allen Inhalten gut folgen. Die fremdsprachigen Filme (Persisch und Englisch) wurden alle sorgfältig auf Deutsch neu untertitelt. Wir freuen uns, Sie bei unserem Filmforum am 12 und 13 November 2021 begrüßen zu können!

Dr. Katja Rieck ist wissenschaftliche Referentin für den neuen Forschungsschwerpunkt Iran und leitet das BMBF geförderte Teilprojekt von “Wissen entgrenzen” “Iran and Beyond: Breaking the Ground for Sustainable Scholarly Collaboration (IRSSC)“. In Ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit den vielfältigen gesellschaftlichen Wandlungsprozessen, die im Iran zu beobachten sind.

Citation: Rieck, Katja Filme und Forschung am OII: Das Filmforum „Iran at the Crossways“, 12. – 13. November 2021

, Orient-Institut Istanbul Blog, 5 November 2021, https://www.oiist.org/das-filmforum-iran-at-the-crossways

Keywords

Film; Männlichkeit; Haar; Material Religion; Körper