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Selbstzeugnisse als Quellen zur Geschichte des späten Osmanischen Reichs

Selbstzeugnisse als Quellen zur Geschichte des späten Osmanischen Reichs 2017-09-08T15:58:21+00:00

Selbstzeugnisse als Quellen zur Geschichte des späten Osmanischen Reichs

Verantwortlich: Dr. Richard Wittmann

Hauptkooperationspartner: Prof. Dr. Christoph Herzog (Universität Bamberg)

Laufzeit: Seit 2010

Die bisherige Historiographie zum späten Osmanischen Reich stützt sich stark auf die in Osmanisch verfassten Dokumente und Akten in öffentlichen Archiven, die zumeist von staatlichen Funktionsträgern verfasst wurden. Im Gegensatz dazu liegt das besondere Augenmerk in diesem Forschungsfeld auf den von der multiethnischen, multikulturellen Bevölkerung des Osmanischen Reiches in ihren jeweiligen Sprachen selbst verfassten autobiographischen Texten auf Osmanisch-Türkisch, Griechisch, Armenisch, Arabisch, Ladino, sowie einer Reihe weiterer Sprachen, die im Osmanischen Reich in Gebrauch waren. Im Mittelpunkt des Forschungsfeldes zu spätosmanischen Selbstzeugnissen stehen Tagebücher, Memoiren, Briefe und andere „Ego-Dokumente” (Jacques Presser) oder „life narratives” (Sidonie Smith/ Julia Watson) der Bewohnerinnen und Bewohner der osmanischen Hauptstadt Istanbul von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis in die frühen Jahre der Republik Türkei. Mit der Erforschung von Texten dieses Genres soll dieses Forschungsfeld einen Beitrag zur Erforschung der Sozialgeschichte Istanbuls in der Spätphase des Osmanischen Reiches leisten, u.a. auch im Kontext der aktuellen Forschung zu Groß- und Weltreichen. Durch die Einbeziehung osmanischer Primärquellen sollen Anstöße für die bislang stark westlich dominierte bzw. eurozentrische Selbstzeugnisforschung gegeben werden. Die Aufarbeitung dieses Materials, insbesondere auch des nicht-türkischsprachigen Teils davon, verspricht einen signifikanten Beitrag zur Überwindung der – wo nicht in der Theorie, so jedenfalls in der Forschungspraxis dominanten – nationalgeschichtlichen Befangenheit und sprachlich-disziplinären Beschränktheit der Osmanistik. Das Forschungsfeld umfasst individuelle Forschungsarbeiten am Orient-Institut Istanbul, einen interdisziplinären und internationalen Forschungszusammenhang im Rahmen des Istanbul Memories-Projektes (www.istanbulmemories.org), den Ausbau eines Sammelschwerpunktes zu diesem Themenkomplex in der Bibliothek des Orient-Instituts Istanbul, die Ausrichtung von wissenschaftlichen Veranstaltungen und die Veröffentlichung einschlägiger Publikationen.

(1) Istanbul Memories-Projekt

Verantwortlich: Dr. Richard Wittmann

Laufzeit: Seit 2010

Hauptkooperationspartner: Prof. Dr. Christoph Herzog (Universität Bamberg)

Das Istanbul Memories-Projekt ist ein interdisziplinärer und internationaler Forschungszusammenhang, der durch ein Forschungsnetzwerk, eigene Publikationsreihen, Nachwuchsförderung und die Abhaltung von wissenschaftlichen Veranstaltungen (Workshops, Tagungen und Vortragsreihen) die Erforschung von Selbstzeugnissen als Quelle für die Geschichte Istanbuls in ihrer Komplexität als multiethnische und vielsprachige Reichshauptstadt ermöglicht und befördert (www.istanbulmemories.org).

Forschungsnetzwerk „Selbstzeugnisse zum Osmanischen Reich“: seit 2010 wird systematisch ein Netzwerk aufgebaut von Forschenden aus unterschiedlichen Fachdisziplinen, die sich mit Selbstzeugnissen in den zahlreichen im Osmanischen Reich gebräuchlichen Sprachen befassen, um die Kooperation und den wissenschaftlichen Austausch zu ermöglichen.

Publikationsreihen

Drei eigene Publikationsreihen stehen dem Projekt für die Quellenerschließung und die Veröffentlichung von wissenschaftlichen Editionen und Analysen in Form von Monographien und Sammelbänden zur Verfügung:

Memoria. Fontes minores ad Historiam Imperii Ottomanici pertinentes: Seit 2015 herausgegeben von Richard Wittmann, bezweckt diese Publikationsreihe bislang weitgehend unbekannte bzw. nicht öffentlich verfügbare Selbstzeugnisse der Wissenschaft in englischer Übersetzung zugänglich zu machen. Sie erscheint im Open Access-Verfahren und wird von der Max Weber Stiftung online zur Verfügung gestellt unter: http://www.perspectivia.net/publikationen/memoria.

Bisher erschienen:
Paulina D. Dominik (Hrsg.): The Istanbul Memories in Salomea Pilstynowa’s Diary Echo of the Journey and Adventures of My Life (1760). Bonn: Max Weber Stiftung, 2017. (Memoria. Fontes minores ad Historiam Imperii Ottomanici pertinentes2).

Ÿ Klara Volarić (Hrsg.), The Istanbul Letters of Alka Nestoroff.  Bonn: Max Weber Stiftung, 2015. (Memoria. Fontes minores ad Historiam Imperii Ottomanici pertinentes 1).

Life Narratives of the Ottoman Realm: Individual and Empire in the Near EastDiese neue Buchreihe des Routledge-Verlags ermöglicht seit 2017 unter der gemeinsamen Herausgeberschaft mit Christoph Herzog die Veröffentlichung von Monographien und Konferenzbänden zu Selbstzeugnissen aus dem Osmanischen Reich.

Bisher erschienen:
Philipp Wirtz: Depicting the Late Ottoman Empire in Turkish Autobiographies. Images of a Past World (Life Narratives of the Ottoman Realm 1). Abingdon: Routledge, 2017.

Occasional Papers in Ottoman Biographies: Die von Christoph Herzog herausgegebene Reihe ermöglicht seit 2012 als Open Access-Internetpublikation die Veröffentlichung von (auto)biographischen Forschungsergebnissen.

(2) Buchprojekt: „Istanbuler Juden vor Gericht – der Bezirk Hasköy vom 17. – 20. Jahrhundert“ (mit Yaron Ben Naeh, Jerusalem)

Verantwortlich: Dr. Richard Wittmann

Laufzeit: Seit 2008

Das islamische Rechtssystem im Osmanischen Reich kannte eine weitreichende rechtliche Autonomie der Nichtmuslime (zimmi). Dennoch zogen es Nichtmuslime oft vor, selbst in rechtlichen Angelegenheiten mit Angehörigen ihrer eigenen Religionszugehörigkeit, sich freiwillig an den islamischen Gerichtshof zu wenden. In einem gemeinsamen Buchprojekt mit dem Professor für jüdische Geschichte an der Hebrew University of Jerusalem, Prof. Yaron Ben-Naeh, werden die Scharia-Gerichtsakten des vorwiegend von Juden bewohnten Istanbuler Stadtviertels Hasköy in kommentierter, englischsprachiger Fassung publiziert, um einen Beitrag zu leisten zur Erforschung des Alltags Istanbuler Juden vom 17.–20. Jahrhundert und das Zusammenleben unterschiedlicher ethnisch-religiöser Gruppen in der osmanischen Hauptstadt näher zu beleuchten.

(3) Levantiner und Italiener in Istanbul im 19. Jahrhundert: italienische Egodokumente und erzählende Quellen

Verantwortlich: Dr. Marie Bossaert

Laufzeit: 2016

Unterstützt von: Orient-Institut Istanbul & Deutsches Historisches Institut Rom

Das Forschungsprojekt beschäftigt sich mit Levantinern und Italienern, die im 19. Jahrhundert in Istanbul lebten. Die italienischsprachigen Quellen – Briefe, Tagebücher und Memoiren – wurden bisher noch nicht im Kontext der spätosmanischen Sozialgeschichte und Selbstzeugnisforschung untersucht. Drei Aspekte stehen dabei im Vordergrund. Der erste betrifft die Exil-Italiener aus den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts, die es nach der teilweisen Niederschlagung der Risorgimento-Bewegung nach Konstantinopel verschlagen hatte. Analysiert wird in diesem Zusammenhang das Verhältnis der Italiener zu den Levantinern, den Exilanten aus anderen Staaten und der osmanischen Gesellschaft. Der zweite richtet sich auf die „zweite Generation“, d. h. auf die im Osmanischen Reich geborenen Kinder der italienischen Emigranten. Hier sollen ihr Zugehörigkeitsgefühl, ihre Lebenserfahrungen und ihre Loyalitäten untersucht werden. Der dritte Aspekt betrifft die italienische Sprache, die im 19. Jahrhundert dem Französischen weicht und insbesondere ihren Formen und Anwendungsfeldern sowie der von ihr geprägten Anschauungswelt. Schließlich sollen die Zusammenhänge zwischen der levantinischen, italienischen und osmanischen Identität sowie die Rolle der Anschauungswelten im gesellschaftlichen Interaktionsrahmen beleuchtet werden. Das Projekt versteht sich somit als Beitrag zu einer Sozialgeschichte der italienischen Bevölkerungsgruppe in Istanbul und der Levantiner im Mittelmeerraum.

(4) Das spätosmanische Tagebuch des Abdallah Dabbous

Verantwortlich: Dr. Malek Sharif (Universität Münster & Orient-Institut Istanbul)

Unterstützt von: Orient-Institut Istanbul

Laufzeit: 2015 – 2017

Das Projekt erschließt die bislang unbekannten Memoiren eines jungen arabischen Offiziers, der während des Ersten Weltkrieges in der osmanischen Armee diente. Die Memoiren, die sich nach wie vor in Familienbesitz im Libanon befinden, beschreiben auf 152 Textseiten diverse Kriegserfahrungen und Erlebnisse als Kadett an der Kriegsakademie im Istanbul der Jahre 1916–17. Verfasst in modernem Schriftarabisch mit osmanischen Einsprengseln und vereinzelten Ausdrücken des Beiruter Dialekts, handelt es sich um das seltene Selbstzeugnis eines „gewöhnlichen“ Soldaten, der in nüchterner Sprache seine Erinnerungen niederschrieb, ohne den Konventionen offizieller, nationaler Historiographien folgen zu müssen. Der Text wird in englischer Übersetzung kritisch ediert und mit einer ausführlichen Einleitung versehen.

Paulina D. Dominik (Ed.): The Istanbul Memories in Salomea Pilsztynowa’s Diary »Echo of the Journey and Adventures of My Life« (1760). With an introduction by Stanisław Roszak. (Memoria. Fontes minores ad Historiam Imperii Ottomanici pertinentes, 2). Bonn, 2017.

Philipp Wirtz: Depicting the Late Ottoman Empire in Turkish Autobiographies. Images of a Past World (Life Narratives of the Ottoman Realm 1). Abingdon: Routledge, 2017.

Wittmann, Richard; Fuhrmann, Malte. „Papierblumen, Seide und Thermen am Fuße des Olymps. Bursa in deutschsprachigen Reiseberichten von der Renaissance bis zur Romantik“. In: Malte Fuhrmann & Raoul Motika (Hrsg.): Deutsche in Bursa. Bursa: Belediye Yayınları, 2016. 42–67.

Volarić, Klara (Hrsg.). The Istanbul Letters of Alka Nestoroff. Bonn: Max Weber Stiftung, 2015.

Wittmann, Richard; Ulbrich, Claudia (Hrsg.). Fashioning the Self in Transcultural Settings: The Uses and Significance of Dress in Self-Narratives (Istanbuler Texte und Studien 17). Würzburg: Ergon Verlag, 2015.

—-, Ulbrich, Claudia. „Introduction – Fashioning the Self in Transcultural Settings: The Appreciation of Dress in the Historical and Cultural Sciences”. In: Claudia Ulbrich & Richard Wittmann (Hrsg.): Fashioning the Self in Transcultural Settings: The Uses and Significance of Dress in Self-Narratives. (Istanbuler Texte und Studien 17). Würzburg: Ergon Verlag, 2015. 9–24.

—-. „Französische Hemden, österreichische Dampfschiffe und deutsche Lokomotiven: Fremde Dinge in der Selbstverortung des islamischen Mystikers Aşçı Dede İbrahim“. In: H. Medick, A. Schaser, C. Ulbrich (Hrsg.): Selbstzeugnis und Person. Transkulturelle Perspektiven (Selbstzeugnisse der Neuzeit, Bd. 20). Köln, Weimar, Wien: Böhlau Verlag, 2012. 243–261.

—-. (Hrsg.). Gürler, Tülay. Jude sein in der Türkei. Erinnerungen des Ehrenvorsitzenden der Jüdischen Gemeinde der Türkei Bensiyon Pinto (Istanbuler Texte und Studien 23). Würzburg: Ergon Verlag, 2010.

Vortragsreihe:  Exile, Political and Economic Migration in the Ottoman Empire

Verantwortlich: Dr. Richard Wittmann, Prof. Dr. Evangelia Balta, Prof. Dr. Johan Martelius

Veranstaltungsdatum: April / Mai 2017

Hauptkooperationspartner: Svenska Forskningsinstitutet i Istanbul, Anadolu Kültür

Veranstaltet gemeinsam von Prof. Dr. Evangelia Balta (Programme of Ottoman Studies, National Hellenic Research Foundation, Athen), Prof. Dr. Johan Mårtelius (Schwedisches Forschungsins-titut, Istanbul) und Dr. Richard Wittmann (Orient- Institut Istanbul) widmet sich die Vortragsreihe im Frühjahr 2017 in insgesamt acht Abendvorträgen den Chancen, besonderen Anforderungen und Hindernissen, mit denen sich Neuankömmlinge konfrontiert sahen, die als Flüchtlinge, Wirtschaftsmigranten oder Einwanderer vom 18. bis 20. Jahrhundert ins Osmanische Reich kamen. Die Vorträge sind jeweils vier thematischen Teilaspekten des Themenkomplexes zugeordnet: „Muslim and Christian Refugees in the Balkans and Anatolia“, „Immigrants and Intercultural Transfer“, „European Refugees in the Ottoman Empire“, und „Choosing a New Homeland“.

Vortragsreihe: Remembering the Ottoman Past in the Eastern Mediterranean

Verantwortlich: Dr. Richard Wittmann & Prof. Dr. Evangelia Balta

Veranstaltungsdatum: Oktober 2015  ̶  Mai 2016

Hauptkooperationspartner: Hellenic Research Foundation, Athen

Unterstützt von: Bodossaki Stiftung, Stavros Niarchos-Stiftung, Griechisches Generalkonsulat in Istanbul

Die Veranstaltungsreihe beleuchtet in insgesamt 16 Vorträgen an acht Abenden mit je zwei, i.d.R. aus unterschiedlichen Ländern und Wissenschaftskulturen stammenden Vortragenden verschiedenste Formen der Erinnerung an die osmanische Vergangenheit unter Verwendung eines weitgefassten Genrebegriffes von Selbstzeugnissen (u.a. werden auch Film, Fotografien und Speisen einbezogen). Sämtliche Vorträge werden von der Bodossaki-Stiftung über deren Webseite (http://www.blod.gr/lectures/default.aspx) und per Link über die Webseite des Orient-Instituts als Video-Podcasts veröffentlicht.

Workshop: The Politics of Memoirs: Turkish and Ottoman

Verantwortlich: Prof. Christoph Herzog & Dr. Richard Wittmann

Veranstaltungsdatum: 6.12.2014

Veranstalter: Universität Bamberg, Turkologie & Orient-Institut Istanbul

Der Workshop widmete sich explizit dem gerade für die türkischsprachigen Selbstzeugnisse zentralen Genre-Typus der Memoiren. Der zeitliche Bogen, der von den zwölf Teilnehmerinnen und Teilnehmern in ihren Vorträgen hierbei gespannt wurde, umfasste neben osmanischen Quellen als eigentlichem Untersuchungszeitraum des Istanbul Memories-Projektes auch türkischsprachige Memoiren aus der Zeit der Republik Türkei und ermöglichte somit auch die komparative Auseinandersetzung mit dem Genre über den politischen Systemwechsel mit Zerfall des Osmanischen Reiches hinweg.

Istanbul-Kushta-Constantinople. Diversity of Identities and Personal Narratives in the Ottoman Capital (1830–1900)

Verantwortlich: Dr. Richard Wittmann

Veranstaltungsdatum: 14.–15.10.2010

Hauptkooperationspartner: Universität Bamberg, Turkologie

Unterstützt von: Fritz Thyssen Stiftung

Das Symposium „Istanbul-Kushta-Constantinople. Diversity of Identities and Personal Narratives in the Ottoman Capital (1830_1900)“ wurde von Dr. Richard Wittmann (Orient-Institut Istanbul) in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Christoph Herzog (Lehrstuhl für Turkologie der Universität Bamberg) vom 14. bis 15. Oktober 2010 veranstaltet und in den historischen Räumen des Deutschen Generalkonsulats in Istanbul abgehalten. Ziel der Tagung war es, die osmanistische biographische Forschung um die unverzichtbaren Perspektiven der nicht-muslimischen, nicht-türkischsprachigen Biographien und ihres schriftlichen Niederschlags zu erweitern, um damit einen überfälligen wissenschaftlichen Paradigmenwechsel in dieser Hinsicht zu befördern.

Workshop „Fashioning the Self in Transcultural Settings: The Uses and Significance of Dress in Self-Narratives”

Verantwortlich: Dr. Richard Wittmann

Veranstaltungsdatum: 29.9.–2.10.2009

Hauptkooperationspartner: DFG-Forschergruppe 530 „Selbstzeugnisse in transkultureller Perspektive“

Unterstützt von: DFG

Ein Ergebnisband erschien mit finanzieller Unterstützung der DFG-Forschergruppe unter dem Titel „Fashioning the Self in Transcultural Settings: The Uses and Significance of Dress in Self-Narratives“ in der Institutsreihe „Istanbuler Texte und Studien”.

Bureaucratic Writing as Autobiographical Practice: Gazi Ahmed Muhtar Pasha as Ottoman Extraordinary Commissioner in Egypt, 1885–1908

Verantwortlich: Prof. Dr. Maurus Reinkowski, Universität Basel

Laufzeit (Gastwissenschaftler am Institut): September – Dezember 2015

Maurus Reinkowski untersucht in seinem Forschungsprojekt die Eigensicht des spätosmanischen Staates am Beispiel Gazi Ahmed Muhtar Paschas, der von 1885 bis 1908 als osmanischer Hochkommissar in Ägypten wirkte. Das Osmanische Reich, das von den europäischen imperialistischen Mächten selbst in einen halbkolonialen Status gedrängt worden war, bestand bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs auf seiner Suzeränität über Ägypten, welches seit 1882 jedoch de facto unter britischer Herrschaft stand. Das Projekt beschäftigt sich mit der Frage, wie Ahmed Muhtar Pascha, der ja über keine realen Machtmittel verfügte, in Ägypten die imperiale Selbstrepräsentation des Osmanischen Reichs ausdrückte und verteidigte. Ahmed Muhtar, der in einer Art Exil lebte und dem die Rückkehr nach Istanbul für mehr als zwanzig Jahre verwehrt war, vereinte in sich die Rolle eines Gesandten, eines Expatriierten mit der eines unbeschäftigten Bürokraten und irgendwie auch der eines Phantoms. Während seines langen Ägypten-Aufenthalts produzierte er eine Unmenge an Amtskorrespondenz, die nach vielen Jahren fruchtloser diplomatischer und politischer Aktivitäten mehr und mehr zu einem Mittel nicht nur imperialer, sondern auch persönlicher Selbstvergewisserung wurde.

‘Turks’ of Crete and ‘Hellenes’ of Smyrna: A Comparative Analysis of the 1923 Greco-Turkish Population Exchange (1860–1960)

Aytek Alpan (University of California, San Diego)

Unterstützt von: OII (Promotionsstipendium, 1.10.2013 – 31.3.2014)

Durch die Betrachtung von in der osmanischen Historiographie bislang vernachlässigten Karamanlı-Quellen versucht das Dissertationsprojekt von Aytek Alpan die Geschichte Istanbuls im späten 19. Jahrhundert neu zu überdenken, und zwar aus dem Blick der Karamanlidhes, der turkophonen griechisch-orthodoxen Bevölkerung. Die Untersuchung der Karamanlı-Zeitung Anatoli in den 1880er und 1890er Jahren, einer der ältesten Zeitungen Istanbuls, liefert nicht nur die Basis für eine Bewertung der Karamanlı-Gemeinde als einer wichtigen Bevölkerungsgruppe der Hauptstadt des Reiches. Auch die Beziehungen zwischen den verschiedenen sozialen Identitäten der Stadt soll aus Sicht der Karamanlı bewertet werden. Da keine Memoiren-Literatur der Karamanlidhes vorliegt, soll im Rahmen des größeren „Istanbul Memories“-Projektes statt dessen Anatoli, die langlebigste Karamanlı-Zeitung, herangezogen werden. Auschlaggebend dafür ist nicht nur ihr langes Fortbestehen und ihr reicher Kontext, sondern auch die Rolle von Evangelinos Misailidis, der mit seinem persönlichen Einsatz und seiner Hingabe die treibende Kraft der Zeitung war.

Transforming Erzurum/Karin: The Social and Economic History of a Multi-Ethnic Ottoman City in the Nineteenth Century

Yaşar Tolga Cora (University of Chicago)

Unterstützt von: OII (Promotionsstipendium, 17.10.2013 – 17.4.2014)

In dieser Arbeit wird die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts in der Provinz Erzurum, vor allem ihres zentralen Bezirkes untersucht. Nicht zuletzt aufgrund ihrer geographischen Lage an der Grenze zu Russland und Iran war Erzurum die wichtigste osmanische Provinz im Osten. Ziel der Arbeit ist es, die Zusammenhänge zwischen politischem Wandel, sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung und den vor allem im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts eskalierenden ethnischen Konflikten dieser Region zu verstehen. Das Projekt ist eine regionalhistorische Untersuchung, gleichzeitig aber zielt sie darauf ab, Zusammenhänge zwischen regionalen, überregionalen und gesamt-osmanischen Entwicklungen, sowie die Beziehungen und Wechselwirkungen zwischen den jeweiligen Akteuren zu verstehen. Die vorliegende Literatur zur Tanzimat-Zeit soll damit um eine lokale Perspektive erweitert werden. Darüber hinaus soll ein Beitrag zu der sich in jüngster Zeit entwickelnden Geschichtsschreibung des Ostens des Osmanischen Reiches geleistet werden, wodurch auch Kurden und Armenier in die osmanische Geschichte integriert werden sollen. Neben osmanischen Dokumenten und Quellen aus Bibliotheken und Archiven sollen auch armenische Tagebücher, Reiseberichte, Zeitungen und ähnliche Primärquellen ausgewertet werden.

Between White Eagle and Crescent – Polish Narratives of the Late Ottoman Empire (1830–1918)

Paulina D. Dominik (University of Oxford)

Unterstützt von: OII (Promotionsstipendium, 1.9.2013 – 31.8.2014 )

Mit der Teilung Polens im Jahre 1795 wurde das Osmanische Reich zu einem der wichtigsten Zufluchtsorte für polnische Emigranten. Tausende Polen flohen in der Hoffnung auf osmanische Unterstützung ihres Unabhängigkeitskampfs nach Istanbul. Nichtsdestotrotz wird die Präsenz der polnischen Minderheit in Diskussionen um die multikulturelle und multiethnische Beschaffenheit Istanbuls oft vernachlässigt. Indes zeugen selbst die Namen einiger Straßen in Beyoğlu von dem reichen polnischen Erbe des 19. Jahrhunderts. Auch überlebte das von Emigranten gegründete polnische Dorf, Adampol/Polonezköy, dessen Einwohner bis heute teilweise Polnisch sprechen. Das Forschungsprojekt versucht die Beteiligung der polnischen politischen Emigranten in der Öffentlichkeit des späten Osmanischen Reichs holistisch zu ergründen. Die politischen Bestrebungen der Emigranten dienten nicht ausschließlich der Unabhängigkeit Polens, sondern in vielen Fällen auch den Modernisierungsvorhaben des osmanischen Staates. Der Schwerpunkt der Forschungsarbeit liegt darin, die vielfältigen persönlichen und kommunalen Narrative der polnisch-osmanischen Vergangenheit zurückzuverfolgen und zu entflechten. Dieser Ansatz verspricht einen Einblick in Aspekte wie das „doppelte nationale Anliegen“, überlappende Zugehörigkeitsgefühle und Loyalitäten, Religionsübertritte und Identitätsprobleme. Insgesamt also versucht das Forschungsvorhaben, die polnischen Emigranten und ihre Aktivitäten in das multikulturelle und multiethnische Mosaik des spätosmanischen Reichs einzuordnen.

Link zu Veröffentlichungen:

(1) Paulina Dominik: “A Young Turk from Lehistan: Tadeusz Gasztowtt aka Seyfeddin Bey (1881–1936) and his Activities during the Second Constitutional Period (1908–1918)” , in: Occasional Papers in Ottoman Biographies (Hrsg. Christoph Herzog/Universität Bamberg), Band 2, 2014.

(2) Paulina D. Dominik (Ed.): The Istanbul Memories in Salomea Pilsztynowa’s Diary »Echo of the Journey and Adventures of My Life« (1760). With an introduction by Stanisław Roszak. (Memoria. Fontes minores ad Historiam Imperii Ottomanici pertinentes, 2)

Ahmet Rasim’s Şehir Mektupları and Fin-de-Siècle Istanbul

Melih Egemen (Harvard University)

Unterstützt von: OII (Promotionsstipendium, 1.9.2013 – 28.2.2014)

In dem Dissertationsprojekt sollen Kosmopolitismus und Multikulturalität im spätosmanischen und frührepublikanischen Istanbul untersucht werden. Drei miteinander verbundene Themenkomplexe stehen im Mittelpunkt: 1. Literarische und alltägliche Metaphern zur Beschreibung von Istanbul und seiner Multikulturalität; 2. osmanistische, islamistische und turkistische Diskurse; 3. die Hauptstadt Istanbul soll als Linse dienen, um den Übergang von einem imperialen zu einem nationalen politischen System und den Einfluss dieses Übergangs auf eine multikulturelle Gesellschaft zu untersuchen.

Dieser dreifache Ansatz bei der Rekonstruktion des Alltags von Istanbul in einer ungewöhnlich turbulenten Zeit – beinahe ein halbes Jahrhundert autokratische Herrschaft Abdülhamid II., der autoritäre quasi-Modernismus der Unionisten, ein Weltkrieg, gefolgt von fremder Besetzung und schließlich die Schaffung eines anti-imperialen republikanischen Regimes – soll nicht nur helfen, das fin-de-siècle Istanbul zu rekonstruieren, sondern auch die Auswirkungen politischer Veränderungen auf individual- und alltagsgeschichtlicher Ebene behandeln.

Ottoman Diplomats and the Culture of Diplomacy (1761-1821): Ottoman Ambassadors, Chargés d’affairs and Dragomans Between the Ottoman Empire and Prussia

Irina Fliter, M.A. (Tel Aviv University)

Unterstützt von: OII (Promotionsstipendium, 15.6. – 15.12.2013 )

Diplomatie brachte osmanische Staatsangehörige verschiedener Religionen, unterschiedlichen Bildungshintergrunds und sozialer Herkunft zusammen. Osmanische Gesandte, die in die europäischen Hauptstädte geschickt wurden, hingegen waren ausschließlich gebildete Muslime aus der zentralen Verwaltung; Chargés d’affaires oder Minister hingegen konnten Muslime aber auch Christen sein. Dragomane oder Übersetzer schließlich waren seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts fast ausschließlich Christen mit engen Verbindungen zu den phanariotischen Netzwerken (Istanbuler Griechen). Im Dissertationsvorhaben soll jedoch nicht diese Arbeitsteilung zwischen christlichen und muslimischen Diplomaten als Untersuchungsansatz genommen, sondern stattdessen die osmanische Kultur der Diplomatie im Ganzen betrachtet werden. Das Fallbeispiel der osmanischen Diplomaten, die zwischen 1761 und 1821 nach Preußen reisten oder für die preußische Botschaft in Istanbul arbeiteten, demonstriert sowohl die Netzwerke, in welchen diese Diplomaten operierten, als auch die intellektuelle Auseinandersetzung der Diplomaten mit dem Europa der Aufklärung. Im Gegensatz zur traditionellen Diplomatiegeschichte, welche Diplomaten nur in ihrer Rolle als politische Vermittler wahrnimmt, soll das Leben der osmanischen Diplomaten und ihr Verhältnis gegenüber der Hohen Pforte vor allem kulturhistorisch betrachtet werden.

Die entstehende Bourgeoisie von Istanbul um Wende zum 20. Jahrhundert: Erinnerung und (Selbst-)Darstellung

Ece Zerman (Paris-Sorbonne)

Unterstützt von: OII (Promotionsstipendium, Oktober 2009 – 31. März 2010)

Dieses Projekt untersucht Selbstzeugnisse und Fotos einer entstehenden Bourgeoisie in Istanbul vom späten Osmanischen Reich bis zur frühen Türkischen Republik. Wie stellten sie sich selbst und ihre inneren „Anderen“ dar, wie konstruierten sie ihre Erinnerungen? Die neue Elite schuf ihre eigene Vergangenheit, sie konstruierte, sammelte und bewahrte ihre Erinnerungen. Teilweise ist diese Vergangenheit verbunden mit der Konstruktion von nationaler Erinnerung und nationalem Erbe. Die wichtigsten Elemente dieser dieser Erinnerungskultur wurden Aufzeichnungen in Form von Tagebüchern oder Erinnerungen, aufbewahrte Familienbriefe, Familienfotos, die in der Wohnung aufgehängt wurden, oder das Sammeln von Erinnerungsstücken. Was genau die Menschen für wert befanden, gesammelt, aufgezeichnet, bewahrt und ausgestellt zu werden, soll als Quellen analysiert werden, um die wechselnden und komplexen Beziehungen zwischen den Menschen und der sie umgebenden visuellen und materiellen Welt zu verstehen.

Gelehrte Wissenstraditionen. Das ‘sagenumwobene Morgenland’ in Reiseberichten in der Frühen Neuzeit

Kornelia Kaschke-Kısaarslan (FU-Berlin)

Unterstützt von: OII (Promotionsstipendium, Oktober 2009 – 31. März 2010)

Heutiger Nachbar – gestriger Untertan. Der Balkan als Schnittstelle zwischen Osmanischem Reich und Europa aus der Perspektive osmanischer Reisender 1870–1918“

Leyla von Mende (Freie Universität Berlin)

Unterstützt von: OII (Promotionsstipendium, 1.10 – 23.12.2010)

Das Dissertationsprojekt wurde von Prof. Dr. Ulrike Freitag betreut.

Intellectual Trajectories From Ottomanism to Nationalism: The Cases of Mustafa Satı Bey, Tunalı Hilmi, and Abraham Galante

Kerem Tinaz, M.A. (University of Oxford, 15.6.2014 – 15.9.2014)

Unterstützt von: OII (Promotionsstipendium)

Das Dissertationsprojekt von Kerem Tınaz untersucht die Ansichten zu den Themen Erziehung und Sprache von Mustafa Satı Bey (1880-1968), Tunalı Hilmi (1871-1928) und Abraham Galante (1873-1961) im Kontext ihrer intellektuellen Umorientierung vom Osmanismus zum Nationalismus in den Nachfolgestaaten des Osmanischen Reichs. Dabei sollen Inhalt und Motivation ihrer Vorstellungen vergleichend analysiert werden und zwar vor allem im Hinblick auf den ethnischen, religiösen und sozialgeschichtlichen Hintergrund und das intellektuelle Milieu, in dem sie sich bewegten. Die Dissertation soll einen Beitrag zur revisionistischen Richtung in der osmanistischen Geschichtsschreibung leisten. Sie ist einem umfassenden Ansatz verpflichtet, der Denker aus verschiedenen ethnisch-religiösen Hintergründen einschließt, um so die pluralistische Natur des späten Osmanischen Reiches zu untersuchen und außerdem intellektuelle Kontinuitäten und Brüche zwischen dem Osmanischen Reich und seinen Nachfolgestaaten herauszuarbeiten.

Autobiography at the End of Empire: Modernity and Change in Selfnarrative About the Late Ottoman Empire, 1880s–1920s

Philip Wirtz, M.A. (SOAS, London).

Unterstützt von: OII (Promotionsstipendium, 16.8.2010 – 10.9.2010 )

Das Promotionsprojekt untersucht die Darstellung der letzten fünfzig Jahre des Osmanischen Reichs in türkischen Autobiographien. Dabei werden Autobiographien weniger als literarische Werke gelesen, sondern als historische Darstellung osmanischer Kultur- und Sozialgeschichte aus persönlicher Perspektive. Die Dissertation geht den Gründen für autobiographisches Schreiben nach, fragt nach den dabei behandelten Themenkreisen und versucht darzustellen, wie die Autoren historischen Wandel im breitesten Sinne bewerten und wie sich neu formende nationale Identitäten ausdrücken. https://www.soas.ac.uk/staff/staff50806.php

Das Dissertationsprojekt wurde von Prof. Benjamin Fortna betreut. Das Buchmanuskript wurde in der projektbezogenen und von Richard Wittmann zusammen mit Christoph Herzog herausgegebenen Publikationsreihe „Life Narratives of the Ottoman Realm: Individual and Empire in the Near East“ (Routledge) veröffentlicht:

Philipp Wirtz: Depicting the Late Ottoman Empire in Turkish Autobiographies. Images of a Past World (Life Narratives of the Ottoman Realm 1). Abingdon: Routledge, 2017.

World War I and the Armenian Catastrophe: The Politics of the Archive, Fiction and Auto-/Biographies in Turkey

Dr. Hülya Adak (Sabancı-Universität Istanbul)

Unterstützt von: OII (Postdoc-Stipendium, 1.10.2011 – 30.5.2012)

Dr. Hülya Adak (Sabancı Universität Istanbul) arbeitete 2011/12 als PostDoc-Stipendiatin zum Ersten Weltkrieg und dem Völkermord an den Armeniern auf der Grundlage von osmanisch-türkischen Selbstzeugnissen.

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