Merve Köksal (Akdeniz University, Antalya)
Eine Hintergrundgeschichte der Besatzung: Leben im Istanbuler Untergrund, 1918–1923.

“(Bar)ın manası bizde (yük) demektir! Musavviri: Ramiz” (Bar bedeutet für uns eine Last! Illustrator: Ramiz) aus der 71sten Ausgabe von Aydede, 4. September 1922.

Die ersten Jahre nach dem Ersten Weltkrieg hatten sowohl destruktive als auch konstruktive Auswirkungen auf Istanbul, eine Stadt, deren Potential des multikulturellen und vielsprachigen Zusammenlebens schon lange große Anziehungskraft ausgeübt hatte. Die fast fünf Jahre andauernde alliierte Besatzung verwandelte die Hauptstadt des Reichs in einen der hektischsten Knotenpunkte der Welt. Für viele Menschen stellte Istanbul den Punkt des Übergangs auf ihrer Reise in den Westen dar. Als natürliches Ergebnis dieses Zustands im Fluss entwickelte sich die Stadt zu einem ungewöhnlichen Schmelztiegel, der idiosynkratische kulturelle Formen hervorbrachte. Der Istanbuler Untergrund war demgegenüber eine ausgesprochene Zone der Vermischung, geprägt sowohl von dem Trauma, das durch die raschen Veränderungen ausgelöst wurde, als auch von der Produktivität, die durch das Chaos hervorgebracht wurde. Trotz des eigentümlich kosmopolitischen Wesens und einzigartiger transnationaler Begegnungen im Kontext der Besatzungszeit ist das Wissen über den Istanbuler Untergrund, der in dieser turbulenten Atmosphäre neu geformt wurde, höchst begrenzt.

Ziel der Dissertation ist, das vielfältige Leben im Untergrund mit einer interdisziplinären Herangehensweise zu erforschen, die multinationale Interaktionen mit Hilfe sowohl von Erlebnisberichten als auch von künstlerischen Werken untersucht, und einen alternativen Blick aus der Perspektive der Mikrohistorie auf die Geschehnisse zu richten. Der Schwerpunkt wird auf dem Viertel Asmalımescit in Pera liegen, ein städtischer Bereich, der stark mit aufgrund von sozialen oder politischen Zusammenhängen oder sexueller Identität aus der Gesellschaft ausgeschlossenen Personen verwoben war. Dies sind zum Beispiel Künstler*innen und Intellektuelle im Exil, Bohemiens und Besucher der Nachtclubs, Personen, die herkömmlicherweise im akademischen Schrifttum nicht zugänglich sind.

Die Auseinandersetzung mit die umfangreichen literarischen Texte, Tagebücher, Memoiren und Reiseberichte, die uns intime Einblicke erlauben, sowie das Studium der Privatarchive, Kunstsammlungen und bislang noch nicht ausgewerteten Berichte und Abbildungen in Zeitungen und Zeitschriften versprechen, Licht auf das Leben im Untergrund von Asmalımescit zu werden. Das Forschungsprojekt hat das Ziel, offenzulegen, in welcher Weise Dynamiken innerhalb des klandestinen Lebens während der Besatzungszeit in bemerkenswert kurzer Zeit weitreichende soziale Wandlungsprozesse in Gang setzten, die sich stark auf das kulturelle Leben der frühen Republik Türkei auswirkten. Die innere Produktivität des Istanbuler Untergrunds soll durch die komplexen, aber fruchtbaren Beziehungen, die von den marginalisierten Gruppen gepflegt wurden, entschlüsselt werden, damit die Personen, aus denen sich diese Szene zusammensetzte, als Akteure und Erzählstimmen in bestehende Geschichtserzählungen aufgenommen werden können.