International Standing Working Group

Iran and Beyond Breaking the Ground for Sustainable Scholarly Collaboration (IRSSC)

Performanz von Kultur, Religion und Körper als Strategien der Selbstermächtigung in der Islamischen Republik Iran

ProjektleitungDr. Katja Rieck – Principle Investigators:  PD Dr. Robert Langer (OII-Forschungsfeld Religionsgeschichte Anatoliens), PD Dr. Judith I. Haug (OII-Forschungsfeld Musik im Osmanischen Reich und in der Türkei), Dr. Melike Şahinol (OII-Forschungsfeld Human Enhancement)

Projektdauer: April 2019 – Februar 2022

Die International Standing Working Group IRSSC hat das Ziel, mittels innovativer Forschungsthemen Möglichkeiten und Grenzen der Kooperation mit insbesondere iranischen Kolleginnen und Kollegen sowie Wissenschaftseinrichtungen auszuloten. Kulturelle, soziale und religiöse Zusammenhänge im transregionalen Kontinuum zwischen Anatolien und Iran bis nach Pakistan werden dabei im Fokus stehen.

Unter den Bedingungen von autoritärem Staat, islamrechtlich reglementierter gesellschaftlicher Normierung und vom Regime dominierter Ökonomisierung des Alltags nutzen die Bewohner Irans die ihnen zur Verfügung stehenden kulturellen Ressourcen auf vielfältige Weise. Durch Globalisierung, Migration, Urbanisierung und die Verbreitung (techno)medialer Ausdrucksmöglichkeiten modifizieren und multiplizieren sich kulturelle Expressivitätsformen und differenzieren sich gesellschaftlich aus. Lokale wie auch globale Muster der kulturellen, religiösen und physisch körperlichen Performanz gewinnen dabei neue Bedeutungen. Tradierte Formen der Authentizität (wie marginalisierte religiöse Identitäten und regionale Musikformen), globale kulturelle Ausdrucksformen (Esoterik, neue Formen der Religiosität, Transhumanismus als postmoderne Strömung, Vegetarismus/Veganismus, musikalische Subkulturen), aber auch moderne technologische Möglichkeiten zur „Überwindung der menschlichen Natur“ (‚Human Enhancement‘) erzeugen tiefgreifende Transformationen von sozialer Interaktion und Gruppenidentitäten sowie des menschlichen Körpers. IRSSC untersucht anhand ausgewählter Forschungsfragen im Raum Türkei–Iran–Pakistan, schwerpunktmäßig bezogen auf Iran, wie diese Konzepte auch grenzüberschreitend miteinander vernetzt oder parallel zueinander wirkmächtig sind.

Die schöpferische Aneignung von Praktiken und Diskursen zur sozialen und individuellen Selbstbehauptung geschieht in einem Spannungsverhältnis und in Wechselwirkung mit hegemonial vorgegebenen Normen und Praktiken. Diese umfassen beispielsweise den schiitischen Islam, z. B. hinsichtlich des körperlichen Habitus, der religiösen Rituale, der Geschlechterrollen sowie dem aktiven und passiven Zugang zu Musik. Die Bedingungen moderner Medialität und dadurch multiplizierter sozialer Interaktion führen dabei zu einem größeren, ausdifferenzierten und hybriden Repertoire im Umgang mit Herrschaftsinstitutionen wie auch mit einer internationalen Öffentlichkeit, z. B. über soziale Medien. Dies soll in Bezug auf die kulturellen Felder Musik, Religion und (körperverändernder) therapeutischer und nicht-therapeutischer Medizin mit kultur- und sozialwissenschaftlichen Methoden erforscht werden.

Ziel von IRSSC ist neben der Projektforschung die Abklärung von Potentialen zum Aufbau eines internationalen Forschungsverbunds, der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Region, insbesondere Irans, in die internationale Wissenskommunikation und -produktion einbezieht.

Hair:y_less Masculinities: Eine Kartographie. Ein Vergleich zwischen der Islamischen Republik Iran und der Republik Türkei

Projektleitung: Dr. Melike Şahinol

Projektmitarbeiter: Burak Taşdizen, MSc

Laufzeit: Januar 2020 – Januar 2022

Projektblog: https://hairyless.hypotheses.org/

“Hair:y_less Masculinities” ist Teil des Großprojekts Wissen entgrenzen der  Max Weber Stifrung und wird gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF).

Die wachsende kulturelle Begeisterung für kosmetische Chirurgie und die medizin-technische Modifikation des Körpers hat längst die Männerwelt und damit auch medikalisierte Maskulinitäten erreicht. Zu den von Männern am häufigsten gewählten kosmetischen Verfahren gehören die Laserhaarentfernung in der Kategorie der kosmetisch minimal-invasiven Verfahren und die Haartransplantation in der Kategorie der kosmetisch-chirurgischen Verfahren. Als weltweit führende Destinationen für den Schönheitssektor sind insbesondere zwei Länder von Interesse: die Republik Türkei, die eher von westlichen Schönheitstourist*innen bevorzugt wird, und die Islamische Republik Iran, die eher bei Menschen aus dem Nahen Osten beliebt ist.

Mit besonderem Schwerpunkt auf der Somatechnik von männlicher Haarentfernung und -transplantation analysiert dieses Projekt die Disziplinierung von Männerhaaren durch eine Kartographie der Normen und Praktiken der männlichen Körperhaarentfernung und -transplantation in Iran und in der Türkei. Die vergleichende Perspektive zwischen diesen Ländern ist deshalb wichtig, um länderspezifische sozio-kulturelle Unterschiede in den Praktiken und die jeweils spezifischen Einflüsse herauszuarbeiten. Dadurch sollen auch differierende Empowerment-Strategien herausgearbeitet werden, die sich trotz teilweiser kultureller Nähe und ähnlicher Alltagspraktiken beider Länder im Bereich der Schönheit, Körperpflege und (medikalisierter) Maskulinitäten entwickelt haben.

Publikationen 

Şahinol, M., & Taşdizen, B. (2021). Medicalized Masculinities in Turkey and Iran: The Eigensinn of Hair in Hair Transplant Procedure. Zur Publikation eingereicht.

Şahinol, M. & Taşdizen, B. (2021). İnsan Sonrası Erkeklik: Saç Ekimi Örneği. Zur Publikation eingereicht. 

Vorträge 

Şahinol, M. & Taşdizen, B. (2020). Everyday Cyborgs: Men with Implanted/Transplanted Hair and its Eigensinn, EASST + 4S Joint Conference: Locating and Timing Matters: Significance and Agency of STS in Emerging Worlds, 18-21 August 2020, online.

Şahinol, M. & Taşdizen, B. (2020): Cartography of Hair:y_less Masculinities: An Introduction, Orient-Institut Istanbul Research Colloquium, 1. April 2020, online.

Taşdizen, B. (2020). Posthuman Feminist Theory: Body Modification and Empowerment, Technology and the Body: Care, Empowerment and the Fluidity of Bodies, 21 January 2020, Istanbul (Turkey).

Veranstaltungen

27.-28.5.2021: Medicalized Masculinities Workshop (in Zusammenarbeit mit Medicine Man, Southern University of Denmark), Orient-Institut Istanbul

21.1.2020: Technology and the Body: Care, Empowerment and the Fluidity of Bodies, Orient-Institut Istanbul (Workshopbericht: https://wissen.hypotheses.org/2051).