Ali Ufuki und die Pest von 1648

Autorin: Judith Haug

8. MAI 2020

Häufig fragen wir derzeit unsere Mitmenschen und uns selbst, wie wir mit der Pandemie-Situation zurechtkommen, und finden viele unterschiedliche Antworten und Lösungen. Die Informationen, die uns zur Verfügung stehen, sind zahlreich, manchmal widersprüchlich, und oft verwirrend. Aber wie lebte man mit der Bedrohung durch Seuchen zu früheren Zeiten, als das Verständnis von der Entstehung und Verbreitung ansteckender Krankheiten gering war und die Aussicht auf Genesung weniger vom wissenschaftlich nachweisbaren Erfolg der Heilbehandlungen als vom Zufall abhing? In den Geschichtswissenschaften haben wir die Möglichkeit und die Aufgabe, die Erfahrungen von Menschen in vergangenen Epochen lebendig zu machen und zum Nachdenken anzuregen, sowohl über große, allgemeine Themen als auch über persönliche Schicksale.

Von einer Pestwelle, die Istanbul im Sommer 1648 heimsuchte, berichtet uns Ali Ufuki, ein gebürtiger Pole, der damals als Hofmusiker im Palast des Sultans lebte und arbeitete. Heute ist er vor allem für seine musikalischen Notationen berühmt, die uns einen unschätzbar wertvollen Einblick in die bis ins 19. Jahrhundert hinein vorwiegend mündlich überlieferte osmanische Musik geben. Eine dieser Handschriften befindet sich heute in der Französischen Nationalbibliothek, Paris, unter der Signatur Turc 292. Sie enthält neben Musiknotationen und Liedtexten zahlreiche andere Aufzeichnungen, denn Ali Ufuki, umfassend gebildet, hochbegabt und wissbegierig, war nicht nur an Musik und Sprachen, sondern auch an medizinischen Themen interessiert. Wann immer sich eine Gelegenheit bot, schrieb er Rezepte und Behandlungsmethoden aus Büchern ab, hielt Beobachtungen fest oder machte sich Gesprächsnotizen.

Obwohl Turc 292 eine sehr persönliche Quelle ist und über Ali Ufukis Lebensumstände einiges zu verstehen gibt, enthält die Handschrift ausgesprochen wenige Aussagen des Autors über sich selbst. Daher wissen wir über sein Privatleben, seine Gedanken und Gefühle so gut wie nichts. Umso spannender sind deshalb die wenigen Seiten, auf denen er von der Pest im Sommer 1648 berichtet. Weiterhin gibt seine Beschreibung des Topkapı-Palastes (Saray-ı Enderun), die er in den 1660er Jahren verfasste, Aufschluss über dieses Erlebnis.

Im 17. Jahrhundert war die Ansicht, dass Seuchen durch verunreinigte Luft, sogenanntes Miasma, ausgelöst und verbreitet werden, gängige medizinische Lehre. In diesem Sinne erklärte Ali Ufuki den Pestausbruch im Sommer 1648 folgendermaßen: Während des Opferfestes, das in jenem Jahr unter besonders heißen Temperaturen stattgefunden hatte, waren Tierhäute und Schlachtabfälle in der Sonne liegengeblieben und hatten durch Verwesung die krankheitserregenden Dämpfe erzeugt.

Die Musikpagen waren gemeinsam mit anderen Bediensteten im innersten Hof des Palastes, dem so genannten Enderun, auf engem Raum untergebracht. Zu der Zeit befand sich unter den Palastbewohnern auch eine größere Zahl von europäischen Kriegsgefangenen. „Der Flame“ (offenbar einer von diesen) zum Beispiel klagte am 29. Juli 1648 zunächst über Kopfschmerzen (siehe Abbildung; die Fallstudie beginnt im unteren Drittel der Seite). Die Kopfschmerzen ließen sich mit Essigspülungen der Nase behandeln, aber dann trat eine Pestbeule auf, begleitet von Schmerzen in der Leiste. Am siebten Tag nach Erscheinen der Beule kamen hohes Fieber und ein starkes Krankheitsgefühl hinzu. Nach zwei Nächten und zwei Tagen ließ das Fieber endlich nach. Der Kranke wurde an die frische Luft gebracht, und man gab ihm Wasser in kleinen Schlucken zu trinken. Am vierten Tag konnte er etwas Suppe zu sich nehmen. Denselben Krankheitsverlauf beobachtete Ali Ufuki auch bei seinem Kameraden, dem „schwarzen Mustafa“ (zur Unterscheidung vom „kleinen Mustafa“), jedoch mit dem Unterschied, dass der Flame an heißem Fieber litt und gesundete, Mustafa aber an kaltem Schweiß, der rasch zum Tod führte. Diese Einschätzung scheint auf der Tradition der galenischen Säftelehre zu beruhen, die vier Sekrete (Blut, schwarze Galle, gelbe Galle, Schleim) und vier materielle Zustände (trocken, feucht, heiß, kalt) für die Prozesse im menschlichen Körper verantwortlich macht. Bei anderen Kranken wurden neben Fieber und Pestbeulen auch Erbrechen, Durchfall, Nasenbluten, Einblutungen in der Haut und Schwindel bis hin zum Delirium beobachtet.

Behandelt wurden die Kranken überwiegend durch Aderlass (auch dies beruhend auf der Logik der Säftelehre), was zu einer Verschlechterung des Zustandes führte. Ali Ufuki beobachtete dies an mehreren Personen, aber die Vorgehensweise wurde nicht geändert. Außerdem wurden verschiedene, meist auf Kräutern, Gewürzen oder anderen Lebensmitteln beruhende Arzneien verabreicht, wie Saft aus gerösteten Zwiebeln oder mit Zimt und Zucker gebratene Äpfel. Auf die Pestbeulen wurden verschiedene Umschläge aufgebracht, zum Beispiel in Rosenwasser und Eiweiß getränkte Tücher. Ein Rezept zur Vorbeugung gegen die Pest, das Ali Ufuki aufgezeichnet hat, lautet: „Raute, Feigen und Walnüsse zu gleichen Teilen, morgens zum Frühstück mit Brot zu essen.“ Unmittelbar fühlt man sich an die vielen Gesundheitstipps und -mythen erinnert, die aktuell durch die sozialen Medien geistern und von Mediziner*innen mit größter Mühe zerstreut werden müssen. Ali Ufuki und seine Zeitgenoss*innen hatten aber im Gegensatz zu uns nicht die moderne medizinische Wissenschaft mit all ihren Errungenschaften und Forschungsmethoden.

Das Enderun wurde für zwei Wochen unter Quarantäne gestellt. Am Ende waren rund zwei Drittel der Bewohner der Pest zum Opfer gefallen. Ali Ufuki überlebte die Pest – ob er selbst erkrankte, ist nicht klar – und starb um 1675, vermutlich in Istanbul. In seiner Beschreibung des Topkapı-Palastes erfüllte er den verstorbenen Europäern ihren letzten Wunsch: Er nannte ihre Namen, in der Hoffnung, dass die Nachricht ihre Familien erreicht und diese Gewissheit über das Schicksal ihrer Söhne erhielten.

 

Judith Haug habilitierte sich 2016 an der WWU Münster im Fach Musikwissenschaft. Seit 2018 ist sie als wissenschaftliche Referentin am Orient-Institut Istanbul verantwortlich für das Forschungsfeld Musikwissenschaft.

Literatur:

Dols, Michael: The Black Death in the Middle East. Princeton 1977.

Fisher, Carol G. und Alan Fisher: „Topkapı Sarayı in the Mid-Seventeenth Century“, Archivum Ottomanicum 10 (1985 (87)). 5–81.

Haug, Judith I.: „Medical knowledge in ‘Alī Ufuḳī’s musical notebook (mid-17th century)“, Journal for the Intellectual History of the Islamicate World 6 (2018). 117–143.

Varlık, Nükhet: Plague and Empire in the Early Modern Mediterranean World: The Ottoman Experience, 1347–1600. Cambridge/Mass. 2015.

Keywords

Islamicate World; Ottoman Empire; 17th century; History of Medicine; History of Music; Ali Ufuki; plague; article; OII-Music