Forschungsschwerpunkte

 

Underground Culture in the Late Ottoman Empire and Turkey


Verantwortlich: Dr. Alexandre Toumarkine & Prof. Dr. Raoul Motika in Kooperation mit Dr. Timour Muhidine (INaLCO)

In diesem neuen Forschungsschwerpunkt, der im Rahmen eines internationalen Netzwerks etabliert wurde, sollen kulturelle Phänomene in der Türkei jenseits des Mainstreams erforscht werden, um das „andere“ Istanbul und die „andere“ Türkei und damit die Dynamik gesellschaftlicher und kultureller Entwicklungen in der Türkei besser verstehen zu können. Der zeitliche Rahmen reicht von spät- osmanischer Zeit bis in die Gegenwart. Disziplinäre Schwerpunkte sind Literaturwissenschaft, moderne Kunstgeschichte und Anthropologie. Beteiligt ist neben türkischen (z.B. Dr. Hülya Adak), französischen und deutschen Kolleginnen und Kollegen (IFEA und INaLCO) auch Dr. Laurent Mignon (Oxford).

Für die inhaltliche Arbeit wurden vier Achsen verabredet, die aber erst einmal nur die Bandbreite an Themen aufzeigen und größtenteils (noch) nicht in konkrete Projekte gegossen sind:

- Literatur: zentrale Schriftsteller (von Neyzen Tevfik bis Küçük Iskender), Trash Literature (seit den späten 1990ern), Feministischer Untergrund, Gay Literature usw.

- Publikationswesen: Fanzines, Underground « chic » Publikationen (Norgunk, 6.45, Marjinal Kitap, etc.) und anarchistische Publikationen (gedruckt und online).

- Graphische Künste: Karikaturen, Malerei (Yüksel Arslan und Cihat Burak als klassische Beispiele) und „Outsider Art“, als Newcomer in der türkischen Kunstszene sowie Experimentelles Ki- no als weiteres Beispiel für diese besondere Ästhetik.

- Soziologie/Anthropologie: „Youth Tribes“ wie Motorradclubs, anarchistische Gruppen, die im Umfeld der Gezi-Proteste aufblühten, die „klassische Unterwelt“, Unterschichten und Mobs- ter (Kabadayı, Apaşlar, Apaçi) und die weit verbreitete Schwulen- und Lesbenkultur.

- Musik (Martin Greve/Fabio Salomoni): „klassischer“ Rebetiko (XIX.-XX. Jh.), Rap und Heavy Metal, aber auch die Musik der Afro-Türken.

Ein erster internationaler Workshop fand 24. Oktober 2013 im OII statt. Im Herbst 2014 soll die nächste Tagung stattfinden.

1.1 Sakallı Celal und die Bohème der frühen republikanischen Periode (A. Toumarkine)

In diesem kleinen Projekt geht es um die Person des „Sakallı Celal“, einem einflussreichen Denker und Philosophen, der als Bohème-Intellektueller zwar selbst keine Werke verfasst hat, jedoch zahl- reichen Intellektuellen und Schriftstellern der damaligen Zeit als Referenz diente und sie beeinflusste.

1.2 Die Motorradkultur der Türkei (R. Motika)

Das Projekt beschäftigt sich mit der Geschichte des Verkehrsmittels Motorrad seit spätosmanischer Zeit und der sich darum entwickelnden Subkultur, die sich deutlich von der westeuropäischen Motorradkultur unterscheidet. Motorradproduktion mit zahlreichen Herstellern hat sich in der Türkei in den 2000–er Jahren zu einem wichtigen Wirtschaftszweig entwickelt, wobei sich die zunehmend aus- differenzierende Motorradkultur wegen des damit verbundenen Prestiges vorwiegend auf importierten Fahrzeugen bezieht. Im Fokus des Projekts stehen die historische Aufarbeitung und kleinere feld- forschungsbasierte Untersuchungen zu einzelnen Subgruppen, die zumeist der türkischen Rockerszene angehören. 2013 wurden Quellen gesammelt, erste Kontakte aufgebaut und Interviews durchgeführt. Ein Vortrag wurde fertig gestellt und ein Artikel wird vorbereitet.