Russland trifft Europa am Bosporus. Europäisch-russisch-türkische intellektuelle Verflechtungen im 20. Jahrhundert

 

Dr. Zaur Gasimov

Das Projekt verfolgt das Anliegen, die intellektuelle Verflechtungsgeschichte der Europäer, Russen und Türken d.h. die bis jetzt in der internationalen Forschung je nach Fachdisziplin und nationalem bzw. sprachlichem Kontextüberwiegend separat behandelten Themenbereiche (die russische bzw. russländische, europäische und türkische Ideengeschichte) als histoire croisée im Raum Istanbul im 20. Jahrhundert zu untersuchen. Das Projekt rückt dabei als Beispiel das publizistische und wissenschaftliche Wirken der Exilintellektuellen Ali Bey Hüseyinzade (1864, Salyan/Kaukasus – 1941, Istanbul), Cafer Seydahmet Kırımer (1889, Krim - 1960, Istanbul), Ahmet Caferoğlu (1899, Gence –1970, Istanbul) und ihre Interaktion mit den europäischen, russischen und türkischen Intellektuellen in den Fokus. 

Hüseyinzade, Seydahmet und Caferoğlu gingen zu Bildungszwecken nach Istanbul und studierten später an französischen, deutschen und russischen Universitäten. Sie überquerten mehrfach die Grenzen der Imperien und hielten sich in den imperialen Peripherien und Zentren auf. Istanbul jedoch war für sie nicht nur ein Bildungs-, sondern auch ein wichtiger Exilort und eine area of transculturation (Mary Louise Pratt). Nicht nur unter dem Einfluss des Panslavismus, sondern auch infolge der Auseinandersetzung mit der russischen und europäischen Literatur, einer intensiven Beobachtung der europäischen Politik setzten sie sich mit dem Panturanismus und Panturkismus auseinander und prägten somit entscheidend die politische Zeitgeschichte der Republik Türkei. Ausgebildet an europäischen und russischen Universitäten entwickelten sie außerdem die Grundlagen der türkischen Geisteswissenschaften mit, indem sie sich intensiv mit ihren KollegInnen aus Ost- und Westeuropa sowie in der Türkei selbst austauschten. Während der erste Aspekt in der bisherigen Forschung vordergründig behandelt wurde, wurden der Transfer der russischen und europäischen Bildungs- und Wissenschaftstradition (z.B. der Linguistik sowie Geschichtswissenschaft) und eine intensive Rezeption und die häufig widersprüchliche (Neu-)Definierung der europäischen, russischen, eurasischen und der türkischen Kultur in den Diskursen, an denen sich Seydahmet, Hüseyinzade, Caferoğlu und weitere Vertreter ihrer Netzwerke (Zeki Velidi Togan u.a.) aktiv beteiligten kaum berücksichtigt. Dies soll nun im Rahmen dieses Projekts erfolgen: Die Vermessung der europäisch-russisch-türkischen Verflechtungsgeschichte wird anhand der Analyse des kulturwissenschaftlichen und publizistischen Schrifttums der oben genannten Intellektuellen vorgenommen, da die Annahme zugrunde liegt, dass ihre Projektionen, Ordnungsvorstellungen und Europa- sowie Selbstbilder gerade in Folge ihres „transnationalen Lebens“ und Wirkens zwischen mehreren Kulturen entstanden. Die aus Russland und der Sowjetunion nach Istanbul eingewanderten Intellektuellen trugen zur Entstehung und Entwicklung der Turkologie, Sprachwissenschaft und der türkischen Sprach- und (Ost-)Europaforschung bei, was sich nicht nur durch ihre Sprachkenntnisse, sondern auch durch ihre Vertrautheit mit mehreren akademischen und intellektuellen Kulturen erklären lässt. 

Während der gebürtige Krimtatare Seydahmet Jura in Istanbul, Paris und St. Petersburg studierte und später publizistisch in der Türkei, Polen und Rumänien tätig war, engagierte sich Hüseyinzade nach seinem Medizinstudium in Tiflis und St. Petersburg journalistisch und wissenschaftlich in Baku und Istanbul. Der aus Gence stammende Ahmet Caferoğlu studierte in Baku, Kiev, Breslau und Istanbul. Danach hatte er einen Lehrstuhl für die Geschichte der türkischen Sprache an der Universität Istanbul inne. Den zahlreichen Publikationen zum Thema der europäisch-türkischen Kulturvergleiche ging eine intensive Übersetzungstätigkeit und Auseinandersetzung dieser Intellektuellen nicht nur mit der türkischen, kaukasischen und tatarischen, sondern vor allem mit der französischen, deutschen und russischen Literatur voraus. Seydahmet z. B. übersetzte den französischen Historiker Charles Seignobos ins Türkische und Hüseyinzade veröffentlichte in seiner Zeitung „Füyuzat“ zahlreiche Übersetzungen aus Schiller, Goethe und Tolstoj. Seydahmet war unter den ersten Intellektuellen am Bosporus, die der türkischen Leserschaft die russische Geistes- und Kulturgeschichte zugänglich machten. 

Somit trugen nicht nur die Russlanderfahrung dieser Intellektuellen, sondern und vor allem ihre Europaaufenthalte, der Austausch mit den europäischen und russischen Intellektuellen und die Beobachtung der Prozesse in der Türkei zur Entwicklung ihrer Kulturvorstellungen bei. Trotz der neuesten Forschungen zu Russlandmuslimen in Istanbul um die Jahrhundertwende und erster vergleichender Studien über die zahlreichenencounters zwischen dem Zarenreich, dem Osmanischen Reich bzw. der UdSSR und der Türkei nach dem Ersten Weltkrieg fehlt es bis heute an einer fundierten Studie zur russisch-türkischen Verflechtungsgeschichte – einem bedeutenden Kapitel sowohl der europäischen als auch der eurasischen Geschichte. Die europäischen Einflüsse sowie die intellektuellen Diskurse und der gesellschaftliche Wandel im Kaukasus und in Zentralasien, woher viele Grenzgänger stammten, die es nach Istanbul zog, wurden kaum berücksichtigt. 

Istanbul im republikanischen Zeitraum ist in diesem Projekt der socle interculturel (Michel Espagne), der zentrale Exil-, Bildungs- und Aufenthaltsort der Intellektuellen aus dem Zarenreich und somit ein Vermessungsort der Ideenzirkulationen zwischen Europa, Russland, der Krim, dem Kaukasus, ferner dem Iran und Zentralasien. Nicht nur die Auseinandersetzung der Intellektuellen wie Seydahmet, Hüseyinzade und Caferoğlu mit den Diskursen in Europa und Russland, sondern auch mit den europäischen und russischen Diskursen und ukrainischen Intellektuellen innerhalb Istanbuls und der Türkei sollen analysiert werden. 

Neben den Ansätzen der Verflechtungsgeschichte histoire croiseé werden in diesem Projekt sowohl die Methodologie der transferts culturels von M. Espangne, M. Werner und B. Zimmermann, als auch der Ansatz Pierre Bourdieus über die circulation internationale des idées angewandt.

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