Internationale Wissenszirkulation uns ihre Hürden

 

Dieses Projekt ist das Ergebnis langjähriger Beschäftigung mit der Rezeption und dem Nutzen der Ideen und Werke westlicher Denker in der Türkei sowie der Disziplinbildung auf der Basis von Wissensproduktion. Wie Bourdieu bemerkte, sind die Kontexte von Werken nicht Teil ihrer Zirkulation, so sie internationale Grenzen überschreitet. Im türkischen Fall wurde die Wissensrezeption aus dem Westen überwiegend durch das Paradigma der Verwestlichung geprägt sowie durch die Notwendigkeit der Schaffung nationalen Wissens bedingt. Dennoch ist die Einführung von Ideen nicht auf die Spannung zwischen Okzidentalismus und Nationalismus beschränkt. Die Internalisierung von Wissen ist ein komplexer und oft unvollendeter, jedoch notwendiger Prozess, der verspricht, diese Spannung aufzulösen. Doch verdeckt der Blick auf die Ergebnisse erfolgreicher Transfers diese Spannung und die dem Prozess inhärente Komplexität. Daher konzentriert sich dieses Projekt auf Fälle problematischer Transfers.

Die Werke Webers und Freuds sind Paradebeispiele fürproblematische oder erfolglose Rezeption. Die große Dominanz Durkheimischer Ideen in der türkischen Soziologie resultierte in der verspäteten der Rezeption des Werkes Max Webers. Freuds Werk hingegen erregte bereits früh Interesse, was in den 1920er bis 1940er Jahren in Publikationen über seine Lehre sowie Übersetzungen seiner Schriften resultierte. Dennoch blieb diese Beschäftigung weitgehend fruchtlos und Freuds Ideen fanden bis zum Wiederaufleben der Psychoanalyse in den 1970ern nur sehr begrenzt Eingang in akademische Disziplinen. Obwohl sich die Einführung der Ideen dieser beiden Intellektuellen in ihren entsprechenden akademischen Feldern als schwierig erwies, gab es auch unerwartete Rezeptionslinien in der Türkei, so der Eingang der Ideen Webers in die Wirtschaftswissenschaften und derer Freuds in die Philosophie, die Pädagogik sowie die Kinderpsychologie.

Der letzte Aspekt meiner Forschung betrifft die Übersetzungsprozesse. Es wird versucht zu eruieren, welche Faktoren und Akteure in der Auswahl der zu übersetzenden Werke und im Prozess der Übersetzung maßgeblich gewesen sind. Ebenso stellt sich die Frage warum Weber anfänglich aus dem Englischen und dem Französischen übersetzt wurde. Schließlich versuche ich zu beantworten, wie es zum Abbruch der Übersetzungen von Freuds Werken kam, die in den 1940er Jahren aufgenommen wurden.

Publikation:
Alexandre Toumarkine « The introduction of Max Weber’s thought and its uses in Turkey. National stakes and foreign actors », in Michael Kaiser und Harald Rosenbach, Max Weber in der Welt. Rezeption und Wirkung, Mohr Siebeck, 2014, pp.33-46.