Selbstzeugnisse als Quellen zur Geschichte des späten Osmanischen Reichs am Beispiel Istanbuls

 

Im Mittelpunkt des von Dr. Richard Wittmann am Institut betreuten Forschungsfeldes zu spätosmanischen Selbstzeugnissen stehen Tagebücher, Memoiren, Briefe und andere „Ego-Dokumente” (Jacques Presser) oder „life narratives” (Sidonie Smith/ Julia Watson) der Bewohnerinnen und Bewohner der osmanischen Hauptstadt Istanbul von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an bis in die frühen Jahre der Republik Türkei. Mit der Erforschung von Texten dieses Genres bezweckt dieses Forschungsfeld einen Beitrag zur Erforschung der Sozialgeschichte Istanbuls in der Spätphase des Osmanischen Reiches zu leisten, u.a. auch im Kontext der aktuellen Forschung zu Groß- und Weltreichen, und möchte durch die Einbeziehung nahöstlicher Primärquellen Anstöße zur bislang stark westlich dominierten bzw. eurozentrischen Selbstzeugnisforschung zu geben.

Während die bisherige Historiographie zum späten Osmanischen Reich sich stark auf die auf Osmanisch verfassten Dokumente in öffentlichen Archiven, die zumeist von staatlichen Funktionsträgern verfasst oder redigiert wurden, stützt, liegt in diesem Forschungsfeld das Augenmerk auf den von der multiethnischen, multikulturellen Bevölkerung Istanbuls in ihren jeweiligen Sprachen selbst verfassten autobiographischen Texten auf Osmanisch-Türkisch, Griechisch, Arabisch, Ladino, sowie einer Reihe weiterer Sprachen, die in der Hauptstadt des Osmanischen Reiches in Gebrauch waren. Die Aufarbeitung dieses Materials, insbesondere auch des nicht-türkischsprachigen Teils davon, verspricht einen signifikanten Beitrag zur Überwindung der – wo nicht in der Theorie, so jedenfalls in der Forschungspraxis dominanten – nationalgeschichtlichen Befangenheit der Osmanistik.

Das Forschungsfeld umfasst individuelle Forschungsarbeiten am Orient-Institut Istanbul und bringt sie ein in den interdisziplinären und internationalen Forschungszusammenhang des Istanbul Memories-Projektes (www.istanbulmemories.org):

(1) Individualforschungsprojekte am Orient-Institut Istanbul:

✔ Individualforschungsprojekt von Richard Wittmann

✔ Nachwuchsforschungprojekte von PromotionsstipendiatINNen am Orient-Institut Istanbul

(2) Istanbul Memories-Projekt:

✔ gemeinschaftliche inhaltliche Konzeption, Entwicklung und Organisation des interdisziplinären und internationalen Forschungsgroßprojektes „Istanbul Memories” mit Prof. Dr. Christoph Herzog (Turkologie, Universität Bamberg)

✔ Koordination des Istanbul Memories-Projektes durch Richard Wittmann (Verbindungsperson zwischen Projektpartnern und dem Orient-Institut Istanbul, Abstimmungen der Individualforschungsprojekte am Orient-Institut mit den Forschungsanliegen von Istanbul Memories, Projektwebseite)

✔ wissenschaftlicher Austausch und Zusammenarbeit mit WissenschaftlerINNen interdisziplinärer und internationaler Partnereinrichtungen

Das Forschungsfeld „Selbstzeugnisse als Quellen zur Geschichte des späten Osmanischen Reichs am Beispiel Istanbuls” hat sich folgende Aufgaben gestellt:

Ausrichtung von Workshops und Tagungen, die insbesondere disziplinenübergreifende Fragestellungen berücksichtigen sollen. Bisher wurde in einer Serie von Tagungen insbesondere die Sichtung des Materials nach sprachlich definierten Teilbereichen (armenisch, arabisch, griechisch, slawisch etc.) vorangetrieben. In Zukunft soll es darum gehen, den Austausch zwischen den sich mit Teilaspekten befassenden einzelnen scientific communities (etwa Arabistik, Neugräzistik, Osmanistik etc.) anhand übergreifender Fragestellungen zu intensivieren bzw. überhaupt erst herzustellen.

• weiterer Ausbau eines Sammelschwerpunktes zu diesem Themenkomplex in der Bibliothek des Orient-Instituts Istanbul

Förderung von Forschungsvorhaben zu spätosmanischen Selbstzeugnissen

• Schaffung einer Informationsinfrastruktur im Internet

• Realisierung von Printveröffentlichungen vor allem durch eine neue Publikationsreihe, die von Richard Wittmann und Christoph Herzog gemeinsam herausgegeben wird (Self-Narratives of the Ottoman Realm: Individual and Empire in the Near East. London: Ashgate)