Musik in Dersim

 

Die Region Dersim (im Kern die heutige Provinz Tunceli, Ostanatolien) unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht vom übrigen Ostanatolien: geographisch nur schwer zugänglich war Dersim bis ins frühe 20. Jahrhundert weitgehend autonom, die Bevölkerung ist mehrheitlich alevitisch, die wichtigesten Sprachen waren bis in die jüngste Zeit Zazaki und Kurmanci, vor 1915 überdies Armenisch. Türkisch wurde erst im späten 20. Jahrhundert zur meistgesprochenen Sprache, massiv durchgesetzt durch den türkischen Staat. Infolge der turbulenten Geschichte Dersims im 20. Jahrhundert ist die Bevölkerung bis heute stark traumatisiert.

Seriöse Forschung zur Musik in Dersim (bzw. der heutigen Prozinz Tunceli) war aufgrund der unsicheren politisch-militärischen Lage bislang kaum möglich, die 

vorliegende Literatur zur Kultur und Kulturgeschichte dieser Region konzentrierte sich vor allem auf die Religion. Auch zu benachbarten Regionen und ihren Musikstilen ist die Forschungslage dürftig. Allerdings haben sich zahlreiche private Sammler (Musiker, Linguisten, Journalisten etc.,) in den vergangenen 30 Jahren teilweise intesiv mit Kultur und Musik in Tunceli befasst, nur die wenigsten Feldaufnahmen allerdings sind zugänglich. Vorraussetzung für alle weiteren Arbeiten ist zunächst die Erschließung dieser insgesamt sehr umfangreichen Aufnahmen. 

Bis Ende des 20. Jahrhunderts waren Musiker aus Dersim höchsten regional bekannt, Seit etwa den 1990er Jahren wurden dann auffällig viele Musiker aus Dersim auf dem Markt türkischer Volksmusik und politischer Musik erfolgreich (beispielsweise Metin & Kemal Kahraman, Ferhat Tunç, Mikail Aslan, Ahmet Aslan, Aynur Doğan, Yılmaz Çelik, Ali Asker, Ceylan u.a.m.). Fast alle dieser prominenten Dersimer Musiker leben (oder lebten zumindest lange) im europäischen Ausland, einige auch in Istanbul.

Die erste übergreifende Frage des Projektes lautet: Inwieweit sind musikalische Elemente über die historischen Brüche des 20. Jahrhundert hinweg erhalten geblieben, wo und in welcher Form haben sich Neuerungen entwickelt. Lässt sich ein musikalischer Regionalstil von Dersim erkennen, oder gibt es andere musikalisch deutlichere Kategorien (Musik des Alevitentums, Musik der Zaza, kurdische Musik, anatolische Musik, Volksmusik der Türkei etc.). 

Ein zweites übergeordnetes Thema wären die Folgen der Traumatisierung der Gesellschaft von Dersim / Tunceli im Verlauf des 20. Jahrhunderts auf Musik. 

Von besonderem Interesse sind zunächst die Dichtersänger, die ihre meist selbstgemachten Text zur Begleitung einer Langhalslaute vortragen. Die Dersimer Tradition, die heute allerdings beinahe vollständig verschwunden ist, soll mit den benachbarten Traditionen von Aşık und Dengbej verglichen werden. 

Auch die eigenständige Ausprägung des Dersimer Alevitentums ist stark von politischem Druck, sunnitischer Assimilation, aber auch von der Standartisierung und Assimilierung durch das moderne türkische Alevitentums bedroht. Im Zentrum der Untersuchung sollen einerseits die Verwendung von Musik bei den Cem-Zeremonie, aber auch religiöse Lieder in anderen Kontexten, etwa bei Beerdigungen stehen.

Von armenischer Musik aus Dersin schließlich sind lediglich historische Noten und Musikaufnahmen aus dem benachbartem Elazığ sowie von Emigranten in den USA oder in Armenien erhalten. Ist schon über armenische Volks-und Kirchenmusik in Anatolien generell kaum etwas bekannt, so ist die Situation in Dersim bislang weitgehend Spekulationen überlassen. 

Eine besondere Stellung im heutigen Musikleben von Tunceli nimmt das alljährlich Ende Juli stattfindende Munzur-Festival ein. Zu diesem Anlass kommen alljährlich tausende von Besuchern aus anderen türkischen Städten sowie vor allem aus Europa, die meisten Dersimer Herkunft. Auch die Mehrzahl der auftretenden Musiker stammen aus Dersim, einige aber auch aus anderen Regionen. Geschichte, Politik, Organisation und musikalischer Inhalt des Festivals soll mit ähnlichen Festivals verglichen werden (Bal-Festival Pülümür, Bingöl-Festival, Hacibektaş-Festival etc.). 

In einer Reihe von Einzel-Feldforschungen soll daneben der gegenwärtige Stand des Musiklebens in der Provinz Tunceli erhoben werden: in der Stadt Tunceli selbst, in den umliegenden Kleinstädten (Pülümür, Hozat, Ovacık, Mazgirt, Pertek, Çemişgezek) sowie die (Nicht-)Präsenz von Musik in den Dörfern. Ziel ist die Abschätzung von Umfang des Musiklebens und seine musikalisch-stilistische Ausrichtung.

Auch der Einfluss der Diaspora-Erfahrung zahlreicher Musiker aus Dersim spielt in der gegenwärtigen Musik aus Dersim eine wichtige Rolle. Beispielhaft stehen folgende Regionen im Mittelpunkt: Berlin, Nordrhein-Westfalen, Niederlande, die Schweiz sowie Istanbul. 

Eine Untersuchung von Musikerbiographien beschäftigt sich schließlich mit der Frage, inwieweit sich eine individuelle, familiäre oder gesamt-gesellschaftliche Traumatisierung auf Musik, Musikerleben und Musikleben auswirkten. Diese Fragestellung stellt insbesondere in methodischer Hinsicht weitgehend Neuland dar, und es sollen Kooperationspartnern aus Psychologie und Musiktherapie gesucht werden. Durch das parallel laufende Forschungsproket „Musiktherapie in der Türkei“ bestehen bereits zahlreiche Kontakte.

Verantwortlich: Dr. Martin Greve